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Leben offline?

Die Älteren werden sich erinnern... 

  • das "Mobiltelefon" hieß früher Telefonzelle und der passende Tarif dazu Telefonkarte
  • "E-Mails" waren Postkarten oder Briefe und unsere "Inbox" der Briefkasten und der "ISP" die Deutsche Post
  • das "Instagram" war eine Kork-Pinnwand, an welche Konzertkarten, Fotos und Co. gepinnt wurden, Fotos die z.B. mittels einer Polaroid-Kamera gemacht wurden
  • "Facebook" bzw. unsere Erinnerung an Erinnerungen war ein Tagebuch oder ein Fotoalbum
Für viele Kinder (vor den 90ern) das "Handy" (links) und der "Messanger" (rechts) - Bild: Netzfundstück Gießener Allgemeine © Oliver Schepp

Menschen, die versuchen in der heutigen Zeit offline zu leben, werden teils angeschaut, als würden sie als Einsiedler im Wald leben und an Steinchen lutschen. Gut, manche melden sich vielleicht von Facebook, Instagram oder Twitter ab, weil sie von den (un-)sozialen Medien die Schnauze voll haben. Aber man stelle sich vor, jemand verzichte auf Mobiltelefon und/oder E-Mail. Ja, ich kenne vorzugsweise Senioren, die weder noch haben. Aber selbst mein Schwiegervater hat ein Handy, mein Vater (Jahrgang 1937) schickt mir sogar Nachrichten via WhatsApp. Und vor rund 20 Jahren gab es mal einen bekannten Witz mit der Putzfrau und IBM, aber das waren noch andere Zeiten.
 
Manche Menschen berichten von "digital detox". Manchmal auch unfreiwillig (Minute 17:00)... "Du, ich habe gestern mein Handy zu Hause liegen lassen. Es war umwerfend... keine Nachrichten, kein Stress, keine Ablenkung, ich war so entspannt, es war fantastisch!" - "Echt?" - "Nein, ich verarsche Dich, es waren die schlimmsten zwei Stunden meines Lebens, absoluter Albtraum!". 

Wie könnten wir heute ohne (über-)leben? Keine kurze Info "Ich bin in zehn Minuten da." oder noch wichtiger die Info "Komme drei Minuten später!". Man könnte dem/der Partner/in nicht mal eben schnell informieren, dass er/sie aus dem Supermarkt auch noch Brühwürfel mitbringen soll, weil die alle sind und nicht auf dem Einkaufszettel standen.

Die Reaktionszeit bzw. die Erwartung an die heutige Kommunikation ist ebenso erstaunlich. Reagiert man nicht binnen Minuten auf eine WhatsApp-Nachricht, ist praktisch bereits eine Hundertschaft inkl. Hundestaffel dabei, das nähere Gelände mit Stöckern zu durchkämmen.
"Warum sucht die Polizei nach mir?" - "Du bist nicht ans Handy gegangen, wir haben uns Sorgen gemacht!" - BIld: Baden.fm


Und wer nicht taggleich, allerspätestens am Folgetag eine E-Mail beantwortet, wird schlicht als unhöflich abgestempelt. Damals, vor Handy und E-Mail, gab es Briefe... die haben teils Tage gebraucht um ihr Ziel zu erreichen und dann gab es per Brief eine Antwort. Wenn es wirklich schnell ging, hatte man nach ca. drei, vier Tagen eine Antwort, also Montag abgeschickt, vielleicht Freitag eine Rückmeldung. Wer es eiliger brauchte, schickte privat ein Telegramm (das wurde i.d.R. taggleich zugestellt und 160 Zeichen kosteten über 12 Euro) oder im Geschäftsleben halt ein Fax. Da wurde gerne auch mal hinterhertelefoniert, ob es auch wirklich angekommen ist. Denn man bekam zwar einen Sendebericht, aber das hieß noch lange nicht, dass der Empfänger nun auch wirklich das Schriftstück in den Händen halten konnte. Beispielsweise Papier alle und das Gefaxte hing im Gerätespeicher fest.

Stellen wir uns also mal vor, wir würden "offline" leben. Wir befreien uns für eine gewisse Zeit von der Geißel Smartphone, E-Mail und Co..
Bild: dieSchilder.com

Es würde damit anfangen, dass der klassische Bürojob praktisch nicht mehr auszuführen ist. Die Kommunikation findet zumindest bei mir faktisch ausschließlich via E-Mail statt, intern wie extern. Die Anzahl von Briefpost, lässt sich auf eine Handvoll pro Woche schätzen (wenn es hoch kommt). Während einer zweiwöchigen Erkrankung haben sich bei mir im Posteingang mal knapp 300 E-Mails angestaut.
 
Wären wir darüber (auch privat) nicht erreichbar, verlagert sich die Kommunikation aufs Telefonische. Doch es gäbe ja kein Handy, sondern bestenfalls ein Festnetz-Telefon nebst einem Anrufbeantworter, damit Nachrichten nicht verloren gehen, wenn man unterwegs und damit nicht erreichbar ist, denn das ist man jetzt häufiger. Alle Absprachen zu Treffen, Terminen, etc. würden darüber ablaufen. Ebenso Gratulationen zu Geburtstagen oder anderen feierlichen Anlässen, wo heute meist nur eine kurze Nachricht geschrieben wird.
 
Und wo hält man all diese Gedanken, Termine und Co. fest, damit man sie nicht vergisst? In einem klassichen (Papier-)Terminkalender. Denn die Kalender-App auf dem Smartphone ist tabu. Kein Klick in Outlook und der Termin ist akzeptiert und automatisch im Kalander eingetragen. Praktisch alles, was man sich kurz als Erinnerung per WhatsApp schicken lässt, muss mittels Stift und Papier festgehalten, aufgeschrieben (und theoretisch mitgeführt) werden (oder man lässt es halt strikt zu Hause, weil dort mehr oder minder nun die "Schaltzentrale" wäre). Das "Filofax" (oder markenneutral: Das Zeitplan-Ringbuch - Filofax ist ebenso wie "Tempo" oder "Tesafilm" eine eingetragene Marke) würde ein Revival erleben.
Zettelwirtschaft der 80er und 90er - im "Filofax" - Bild gefunden auf Youtube "Filo Amy"

Man könnte jetzt schon festhalten: Man würde definitiv weniger Termine wahrnehmen, denn es kommt nicht so schnell, "mal eben" etwas dazwischen. Will man etwas von uns, muss man uns anrufen (und wir sind unterwegs nicht erreichbar) oder vorbeikommen (wir sind häufiger unterwegs). Die Tage wären strikter durchgetaktet/geplant, die Spontanität fällt weg - ob man das nun gut oder schlecht erachtet.
Würde man zu einer Adresse wollen, wo man vorher noch nie war bzw. man nicht weiß, wie man dorthin kommt, dann hätte man normalerweise seine Navigations-App (z.B. Maps) geöffnet und tada. Doch was tun im analogen Zeitalter? Da gibt es dann wohl nur die Alternative Stadtplan. Einmal auseinandergefaltet, bekamen ihn die Wenigsten genau so wieder zusammen. In den 90ern gab es dann im Internet Anbieter, welche einem die ideale Reiseroute berechnet haben. Die hatte man sich (in der Zeit vor den TomTom's und Co.) ausgedruckt und das Navigationsgerät hieß Beifahrer_in (oder man musste hin und wieder anhalten und die nächsten Etappen auswendig lernen). Ich habe Autos von Leuten gesehen, die haben noch heute ihren (berühmt-berüchtigten) Shell-Atlas von 1992 im Auto liegen - bevorzugt gerne auf der Hutablage, damit er bei einer Vollbremsung auch richtig Anlauf nehmen kann... ich schweife ab.
 
Nochmal zum Thema Verabredungen: Diese wären verbindlicher. Denn man hatte sich tage- manchmal wochenlang im Voraus auf einen Termin verständigt. Und dann konnte man den auch nicht kurzfristig absagen, wie es heute im Zeitalter des Handys möglich ist. Der/Die Andere stand am vereinbarten Treffpunkt (der auch recht konkret ausgemacht wurde und man hatte sich meistens auch gefunden - nicht wie heute, wo beide 100m entfernt voneinander telefonieren ("Wo bist du? Ich sehe dich nirgends!").
 
Wollen wir unsere Bankgeschäfte erledigen, müssen wir in die Filiale (wenn es noch eine gibt) und ein Formular ausfüllen (wenn es noch welche gibt) und es einem Menschen am Schalter geben (wenn es noch einen gibt). Unseren Urlaub können wir nicht mal eben schnell über zig Vergleichsportale bestmöglich buchen, sondern müssen uns in ein Reisebüro bewegen. Dasselbe, wenn wir neue Kleidung brauchen, ein Buch kaufen, Tickets für ein Konzert buchen oder Essen bestellen wollen. Dafür müssen wir uns nun in ein Geschäft begeben oder können es vielleicht auch vom (Festnetz-)Telefon aus bestellen. Ach ja, wo finden wir die Rufnummer? Genau: Im dicken Wälzer namens Telefonbuch oder in unserem persönlichen Adressbuch. By the way, wollte man eine Nummer außerhalb der eigenen Ortschaft haben, musste man entweder die Auskunft anrufen oder zum Postamt. Da waren Meter über Meter alle Telefonbücher der Republik aufgereiht.
 
Verkaufsportale wie Ebay, Kleinanzeigen.de o.ä. gab es nicht. Wollte man privat irgendwelchen Tinnef loswerden, konnte man auf den Flohmarkt. Das bedeutete meist in aller Herrgottsfrühe aufstehen, den Krempel auf einen Standplatz schleppen, dann einen Parkplatz für's Auto suchen, wieder zurückkehren, hoffen, dass noch alles da ist und dann den halben Samstag die Beine in den Bauch stehen. Wenn man zu Zweit war, konnte einer wenigstens noch mal eben schnell "austreten" oder etwas Ess-/Trinkbares besorgen gehen. Wollte man das alles nicht, konnte man z.B. im "heißen Draht" eine Annonce aufgeben. Das war eine Zeitung ausschließlich für Kleinanzeigen und die kostete gut und gerne vier oder fünf DM. In der Zeitung gab es dann einen Coupon für eine (!) Annonce. Den füllte man aus und schickte ihn auf einer Postkarte zurück. Später konnte man Anzeigen auch über eine 0190-Rufnummer aufgeben bzw. wenn man Interesse an einer Annonce hatte, musste man solch eine Nummer anrufen, um die Rufnummer des Anbieters zu erlangen.
 
Information: Sind Nachrichten, das geballte Wissen der Welt o.ä. sonst nur einen Fingerzeig entfernt, müsste man jetzt eine Zeitung kaufen gehen oder um etwas Besonderes/Spezielles zu recherchieren in eine Bibliothek begeben, denn "den großen Brockhaus" hat ja kaum noch jemand in der Schrankwand stehen. In den 90ern kamen private Auskunfts-Rufnummern auf, also "Konkurrenz" zur Telekom-Auskunft. Die bekannteste (auch heute noch) wird vermutlich eine sein, die von einer gewissen Verona P. (geborene F.) massiv beworben wurde ("Da werden Sie geholfen!"). Kann man übrigens auch heute noch anrufen und Dinge fragen. Kostenpunkt pro angefangener Minute: 2,39 Euro. Ich glaube, die müssen damit noch heute die Gage von Verona abbezahlen.

Damals war der Kröpcke in Hannover noch "übersät" mit Telefonzellen - überhaupt zentrale Plätze. Und jedes Dorf hatte auch mindestens eine. Wenn man heute versucht ohne Handy zu leben, wird es verdammt schwierig, sich beispielsweise ein Taxi zu rufen, da müsste man schon zu einem Taxistand laufen. Eine Bahnfahrt buchen? Ab zum Bahnhof und am Automaten hoffen, dass Bargeld oder Karte akzeptiert wird. Mit dem Smartphone wäre Taxi- oder DB-App in Sekundenbruchteilen zur Stelle.
 
Thema Freizeit, Kurzweil: Dieses schokoladentafel-große Gerät in unserer Hand ersetzt eine Vielzahl von Geräten, welche wir früher hatten. Musik hörten wir vielleicht mit dem Walk-/Disc-Man oder mit dem MP3-Player, Filme gingen früher gar nicht mobil, sondern nur zu Hause über TV oder halt auch VHS/DVD (z.B. aus der Videothek) und wenn wir eigene Filme machen wollten, brauchten wir eine Videokamera. Dasselbe bei Fotos, hier hatte man eine Canon, Nikon, vielleicht auch eine Polaroid oder was-auch-immer um den Hals hängen. Wollten wir etwas lesen, gab es Bücher und Zeitschriften (und die musste man z.B. auch im Urlaub mitschleppen - kein Vergleich zu den Apps, die ganze Bibliotheken oder auch Hörbücher für uns parat halten). Bildbearbeitung, Nachrichten schreiben oder vielmehr Briefe, all das war eher dem PC vorbehalten oder noch früher dann der Schreibmaschine. Stellen wir uns nur mal vor, wir müssten alle diese Geräte immer mit uns herumschleppen, um auf alles vorbereitet zu sein.
Alleskönner Smartphone - Collage: Pixabay

Natürlich wollen wir all diese Geräte nicht mehr mit uns rumtragen. Wir fahren ja auch nicht mit der Kutsche übers Land. Halten wir also fest: Wenn wir früher etwas bewerkstelligen wollten, war das ziemlich oft mit viel Aufwand verbunden und wir mussten uns in Geduld üben. Meist musste man sich irgendwo hin begeben und konnte nicht einfach alles vom heimischen Sofa aus erledigen. Das Smartphone ist verdammt smart bzw. praktisch. Man könnte meinen, es hätte uns mehr Zeit geschenkt. Aber was machen wir mit der "zusätzlichen" Zeit?
 
Facebook, Twitter, Instragram, Snapchat und Co. sind von den Entwicklern bewusst (!) so konzipiert worden, dass die Nutzer so viel Zeit wie nur irgendmöglich darauf verbringen. Sie sind so programmiert, dass sie uns Nutzer_innen abhängig machen SOLLEN! Die Nutzung setzt Dopamin frei, ein Glücks-Hormon, das Belohnungszentrum wird aktiviert. Mittlerweile betrachten das selbst die damaligen Entwickler skeptisch. Alle hatten bei der Entwicklung im Sinn "Wie verbrauchen wir am meisten eurer Zeit, eurer Aufmerksamkeit?"... und alle waren sich dessen bewusst, haben es verstanden und haben es auch (trotzdem) einfach gemacht. Man spielt hier mit "FOMO", der "fear of missing out" also der Angst etwas zu verpassen. Den persönlichen FOMO-Wert kann man in einem etwas ausgiebigeren Fragebogen hier selbst testen. Auf einer Skala von 1 bis 25 liegt meiner übrigens bei 15.
 
Es gibt hier ein Selbstexperiment, wo versucht wird, eine Woche ohne digitale Helfer auszukommen. Noch etwas konsequenter wird es hier. Nicht ganz so extrem (nur drei Tage und Laptop ist erlaubt) wird hier probiert. Manche entscheiden sich bewusst dafür und z.B. anstelle sich über WhatsApp auszutauschen, geht man jemanden besuchen und trinkt zusammen einen Kaffee. In den Experimenten wird deutlich: Wir haben es verlernt uns zu langweilen, da permanent eine Ablenkung zur Hand ist - ja wirklich, manche Menschen haben das Gerät ständig in der Hand oder zumindest nur eine Armlänge entfernt. Wir wissen teils mit unserer Zeit nichts mehr anzufangen. Und dabei täte es uns wirklich hin und wieder ganz gut, sich nicht permanent berieseln und ablenken zu lassen, sondern einfach mal die Gedanken schweifen lassen. Das Gehirn kommt somit im wahrsten Sinne des Wortes auf andere Gedanken, man setzt auch mal seine Kreativität ein. Wir können besser über unseren Alltag nachdenken, als wenn wir uns mit jeder freien Minute, die uns zur Verfügung steht, mit irgendwelchen Apps zur Zerstreuung nötigen. Es ist besser, sich 60 Minuten am Stück mit digitalen Dingen zu beschäftigen, als 60x eine Minute lang das Smartphone in die Hand zu nehmen. Wir müssen unser Leben mehr defragmentieren.
Bild: Collage Pixabay

Wenn man selbst mal protokollieren (lassen) möchte, wie viel Zeit mit welcher App verbracht und wie oft das Gerät an sich über den Tag verteilt eingeschaltet wird, dem sei diese App empfohlen. Hier kann man, wenn man von den Ergebnissen sicher überrascht ist, auch Limits setzen und so den Konsum mit (zwar technischer) Unterstützung etwas einschränken.

FAZIT: "Leben offline" bedeutet sich allermeist nur auf eine Sache zu fokussieren: Wenn man einkauft, kauft man ein und schreibt nicht nebenbei noch Nachrichten auf WhatsApp. Wenn man unterwegs ist, ist man unterwegs und scrollt nicht nebenbei durch Instagram. Wenn man ein Buch liest, liest man ein Buch und blättert nicht neben dem Fernsehen auf dem "second screen". Und wenn man mit jemandem telefoniert oder persönlich spricht, dann unterhält man sich und checkt nicht noch mal eben kurz die E-Mails. Wir müssen Smartphone und Co. nicht verteufeln, sondern einfach einen bewussteren Umgang damit entwickeln: Festgelegte Zeiten für Beantwortung von E-Mails. Durchgängige, aber bewusste Nutzung von digitalen Inhalten. Wir würden doch auch kein Buch 50 Mal am Tag in die Hand nehmen und jeweils eine Seite lesen.

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