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Der Büro-Obstkorb

Es gab mal eine Zeit, da haben (mir bekannte) Kollegen_innen heftig dafür gekämpft, einen Obstkorb im Büro zu bekommen. Vermutlich muss es in die Epoche gefallen sein, als in den USA der "Obst-am-Arbeitsplatz-Tag" (engl. National Fruit at Work Day) ins Leben gerufen wurde. Seit 2015 fällt dieser dort immer auf den ersten Dienstag im Oktober - die Amerikaner_innen haben es ja nicht so mit fixen Daten:

  • Martin Luther King Day – dritter Montag im Januar
  • Memorial Day (Gedenktag) – letzter Montag im Mai
  • Labor Day (Tag der Arbeit) – erster Montag im September
  • Thanksgiving Day (Erntedankfest) – vierter Donnerstag im November
  • um nur ein paar zu nennen - nix mit "arbeitgeber-friendly" Feiertag fällt auf Sonntag

Bild: Collage

Würden wir das hierzulande so adaptieren, würde 2028 der "Obst-am-Arbeitsplatz-Tag" auf dem 3. Oktober fallen. Schwere Entscheidung, was man da den Vorrang geben soll - aber das eine (nat. Feiertag) schließt das andere ja im Grunde aus. Aber zurück zum Obst! Wie erwähnt gab es damals in beinahe jeder Mitarbeiter_innen-Befragung die Freitext-Forderung nach einem Obstkorb - und zwar nicht nur einmal im Jahr... WÖ-CHENT-LICH! Rückblickend betrachtet möchte man meinen "Könnt' ihr euer verdammtes Obst nicht wie alle anderen auch im Supermarkt kaufen?". Seit fast einem Jahr kommt nun jeden Dienstag ein frisch gefüllter Obstkorb ins Büro. Und wie es so oft ist: Werden Dinge selbstverständlich, verlieren sie ihren Reiz. Das Internet ist voll mit Videos, in denen der Obstkorb als "Benefit" in Stellenausschreibungen nicht mehr als ein "ja, und?" oder ein gelangweiltes "Wow!" hervorruft. Ähnliche Jubelstürme lösen da nur Aufzählungen wie diese aus:

  • attraktives Gehaltspaket mit 12 Gehältern
  • pünktliche Lohnzahlung
Das muss man sich mal vorstellen! Da arbeitet man ein ganzes Jahr, zwölf Monate und bekommt auch noch für jeden Monat Gehalt, nicht nur für elf, unglaublich... und das sogar pünktlich, unfassbar!
  • flexible Arbeitszeiten
  • nettes Team/familiäre Atmosphäre
  • inspirierendes Arbeitsumfeld in einer Welt voller Erlebnisse
  • Einarbeitung (oder sogar "Möglichkeit der Einarbeitung durch Online-Einarbeitungsprogramme")
Da kann man ja gar nicht weg wollen... die sind alle nett! Ein Büro voller Glücksbärchis. "Welt voller Erlebnisse" - ist das ein Freizeitpark oder doch ein Büro? "Online-Einarbeitungsprogramme" bedeutet auch nur, ich darf mir alles selbst beibringen/erarbeiten.
  • kostenlose Parkplätze
  • kostenloser Wasserspender
  • moderne Heiz- und Kühlanlage
  • Pausenraum mit Fenster
  • Nutzung der Mitarbeitertoiletten
  • Tischtennisplatte (außerhalb der Arbeitszeit)
  • Moderne Arbeitsmittel
  • wir stellen die Hardware
Wahnsinn... die Firma verlangt kein Geld dafür, dass man sein Auto acht Stunden vor dem Büro parkt, man muss nicht frieren (kann die Winterjacke zu Hause lassen), darf die Toiletten und (in der Pause) sogar eine Tischtennisplatte nutzen, die vielleicht sogar im Pausenraum mit Tageslicht (!) steht und man muss nicht mal seinen privaten Laptop oder den Stuhl von zu Hause mitbringen - am Ende stellen die mir auch noch eine Maus!
  • Firmenrad/Jobrad
  • regelmäßige Mitarbeitergespräche
  • 26 Urlaubstage
  • Zeitschriften

Ich kann die 32km zur Arbeit (wenn ich möchte) auch mit dem Firmenrad absolvieren? Toll. "Regelmäßige Mitarbeitergespräche" klingen mehr wie eine Drohung, als ein Benefit. Der gesetzliche Mindesturlaub beträgt laut Bundesurlaubsgesetz 20 Tage bei einer 5-Tage-Woche, 24 Tage bei einer 6-Tage-Woche - aber mal im Ernst: Wen lockt man denn mit weniger als 30 hinter dem Ofen hervor. Und "Zeitschriften"? Ich dachte immer, der "Lesezirkel" im Wartezimmer ist deren letzte Bastion.

Kurz mal zur Einordnung: In Deutschland wird ein Mitarbeiter-Benefit als eine freiwillige Zusatzleistung des Arbeitgebers angesehen. Diese Leistung geht über das vereinbarte Gehalt hinaus und ist vor dem Gesetz geregelt. Beim Benefit handelt es sich um eine Art Vergünstigung oder Vorteil. Aufgrund des “außergewöhnlichen Arbeitseinsatzes” stellt der Arbeitgeber diesen seinen Mitarbeitern zur Verfügung. Als Arbeitgeber verfolgt man damit das Ziel, Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter zu steigern. Mitarbeiter-Benefits wie Sachbezüge sind bis zu einer gewissen Höhe steuerfrei. Sie werden nicht wie eine Gehaltserhöhung behandelt, solange sie die monatliche 50-Euro-Grenze nicht überschreiten (Stand: 2023).

Der Obstkorb für Mitarbeiter wird vor dem Gesetz jedoch anders behandelt. Laut §3 Nr. 34 EStG handelt es sich hierbei um eine betriebliche Gesundheitsförderung. Er ist somit kein Sachbezug und fällt auch nicht unter die 50-Euro-Regelung. Stattdessen ist (auch Bio-) Obst am Arbeitsplatz steuerlich absetzbar!
Getränke und Genussmittel wie Wasser, Kaffee, Kekse und dergleichen können nicht steuerlich abgesetzt werden. Soviel unnützes Wissen für heute.

Dieses Mal mit Blaubeeren - Foto: privat

Wie dem auch sei: Der Obstkorb hat es nicht leicht. Erst heiß umkämpft, nun praktisch zur Selbstverständlichkeit verkommen. Ebenso normal, wie der Fakt, dass sich der Mensch satte 50% seiner DNA mit der Banane teilt, dass Äpfel zu 25% aus Luft bestehen (und deshalb schwimmen können) und dass Blaubeeren zu den wenigen natürlichen Nahrungsmitteln blauer Farbe zählen. Ein Apfel macht per se noch kein gutes Unternehmen. Die Zeiten, in denen Unternehmen in ihren Stellenanzeigen noch mit kostenlosen Getränken und Obstkörben um die Gunst der Mitarbeitenden buhlten, sind inzwischen vorbei. Kostenloses Wasser und Kaffee am Arbeitsplatz sehen viele Jobanwärter_innen heutzutage als selbstverständlich an. Ein frischer Apfel mit wichtigen Vitaminen ist zwar weiterhin ein geschätzter Benefit für den oft ungesunden Büroalltag, kann jedoch niemanden mehr zu einer Bewerbung locken.

Firmen ködern Arbeitskräfte in Stellenausschreibungen mit "Büro-Yoga", Tischkickern oder "Rundum-sorglos-Frühstückspaketen" (vielleicht am besten noch ein Sonntags-Brunch - dann muss man die Nasen auch noch am Wochenende sehen). In der Vergangenheit waren es urbane Start-ups, die mit solchen sogenannten Benefits ihre Beschäftigen (in spe) köderten (in Berliner Digital-Start-ups, welche ohne Palettenmöbel ebenfalls undenkbar wären, hat sich gar der Glaube etabliert, ohne Versorgung mit Club-Mate könnten Softwareentwickler keine Zeile Code zustande bringen). Heute soll auch ein Kanal- und Rohrreiniger mit "kostenlosen Obstkörben an jedem Standort" und einer Fitnesscenter-Mitgliedschaft verführt werden. Jeder trostlose Obstkorb im "Meetingraum" eines mittelständischen Unternehmens ist ein Zeugnis für die Verzweiflung der Chefetage (jeder Generation-Zler, der das Reizwort Obstkorb in einer Annonce liest, "cringed" innerlich).

Mit der Pandemie fiel ja auch die andere Arbeitgeber-Bastion, die ebensoheftig regelmäßig abgeschmettert wurde: Das Home-Office oder wie es bei uns heißt "mobiles Arbeiten". Unterschied: Bei letzterem bist du für deine Hardware allein verantwortlich. Im "Home-Office" muss der Arbeitgeber auch einen Stuhl, Tisch, etc. stellen und normal regelmäßig prüfen, ob alles ordnungsgemäß ist (Stichwort Arbeitsstättenverordnung). Im "mobilen Arbeiten" kannst du streng genommen auch am Küchentisch sitzen... oder auch im Café um die Ecke, im Park oder in der Badewanne.

Jedenfalls wurde der Wunsch (tageweise) von zu Hause arbeiten zu dürfen konsequent von den Arbeitgebern abgelehnt. Man könne ja gar nicht die Produktivität kontrollieren. Dann kam die Seuche und es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als die Belegschaft mit ihren Laptops nach Hause zu schicken. Und welch Wunder: Es funktionierte! Klar gibt es dabei auch die einen oder anderen, welche mal nebenbei die Waschmaschine anschmeißen oder die Geschirrspüle ausräumen. Auf der anderen Seite aber auch die, welche häufig länger als die normale Arbeitszeit am PC saßen.

Und auch bei uns ist es dabei geblieben, dass man tageweise von zu Hause arbeiten kann. Einer kommt alle Tage ins Büro, ich drei, der Großteil nur einen Tag. Und das wirkt sich auf den Obstkorb aus. Wie erwähnt kommt der am Dienstag. Ich der normal von Montag bis Mittwoch im Büro ist, habe also "nur an zwei Tagen" was davon. Die meisten Kollegen nur einen. Und wenn der, der durchgängig im Büro ist, mal auf Dienstreise ist, dann auch mal gar nichts. Da kann es vorkommen, dass am Mittwochnachmittag der Obstkorb noch prall gefüllt ist und dann halt das (verlängerte) Wochenende bevorsteht, wodurch er auch nicht besser wird. Was bleibt einem da anderes übrig, als sich seine Obst-Ration (wenigstens für Donnerstag und Freitag) bereits am Mittwoch mit nach Hause zu nehmen? Und nicht selten auch etwas mehr... ich bin irgendwie auch der Einzige mit Familie. Sagen wir es mal so: Ich habe schon lange kein Obst mehr im Supermarkt gekauft!

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