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Faules Volk: Arbeiten wir zu wenig?

Die Deutschen sind faul... zumindest in den Augen der Partei, die in einer Sonntagsfrage vergangenen Sommer immer noch die meisten Stimmen einfahren würde: 29% der Befragten hätten die Union (CDU/CSU) gewählt (aktuell sind es immerhin noch ca. 27%). Ferner waren satte 60% mit der Regierung zufrieden und Kanzler Merz fuhr ebenfalls satte 57% Zustimmung ein (mittlerweile sind die Werte geringfügig gesunken) - zum Vergleich: Die "Ampel-Regierung" kam im Herbst 2024 auf einen Wert von 14% die sagten, sie seien mit der Regierungsarbeit sehr zufrieden bzw. zufrieden. 

Mittlerweile sind die Werte anders: 70 Prozent der Befragten sind lt. einer Umfragte zum Jahresende mit der Arbeit der Koalition unzufrieden – so viele wie noch nie seit Amtsantritt im Mai. Damals fand nicht einmal die Hälfte der Befragten (46 Prozent) die Koalition schlecht. Nur 21 Prozent zeigten sich zufrieden mit der Regierung, was den bislang niedrigsten Wert seit Amtsantritt darstellt. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erzielt in der Befragung schlechte Beliebtheitswerte. Mehr als zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) sind mit seiner Arbeit unzufrieden. Lediglich 23 Prozent bewerten Merz' Arbeit positiv. Das sind die schlechtesten jemals für den Bundeskanzler und seine Regierung gemessenen Werte.

Die seinerzeit (noch) guten Werte für die Regierung als auch den Kanzler sind erstaunlich, der Abfall dann jedoch logisch, angesichts der verhältnismäßig harten Ansagen an die arbeitende Bevölkerung im Land: Zu faul, zu unflexibel, zu behäbig. Wenn der Wohlstand gesichert werden will, müsse (deutlich) mehr gearbeitet werden, mehr Überstunden, weniger Teilzeit und auch die Rentner sollen stärker ran. Wie gesagt, in den Augen von CDU/CSU! Und damit stehen der Kanzler, der CSU-Parteichef und der CDU-Generalsekretär recht allein da, denn: Noch nie wurde in Deutschland so viel gearbeitet, wie heute! Daher ist auch für den Präsidenten des Deutschen Institus für Wirtschaftsforschung (Prof. Marcel Fratzscher) das Ganze eine Scheindebatte.

Grafik: Pixabay

FAKTENCHECK!

Eine Statistik, die für die o.g. These gerne zitiert wird, sagt, dass in Kolumbien am meisten gearbeitet wird (2.297 Stunden je Einwohner_in im Erwerbsalter). Deutschland: 1.347 Stunden. Merkwürdig: 2024 wurden über 61 Milliarden Arbeitsstunden geleistet - praktisch so viel, wie nie zuvor. 2000 waren es noch 58,5, 1980 noch 48 und 1970 knapp über 52 Milliarden. In den 61 Milliarden Stunden stecken ferner 1,2 Milliarden geleistete Überstunden, davon geschätzt 638 Mio. UNBEZAHLT! Also einfach gesprochen für Arbeit, die da war und erledigt werden musste, aber für die es kein zusätzliches Personal gab. Fachkräftemangel, we remember.

Und on top: Es waren 46 Mio. Menschen erwerbstätig - so viele wie nie zuvor. Im Jahr 2000 waren es nur knapp 40 Mio., 1980 27,4 und 1970 26,6 Mio.. Wo also steckt der Fehler? Im Detail - wie so häufig. Die OECD berechnet die durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Kopf - egal ob Teilzeit oder Vollzeit. Das Absurde: Würden alle Teilzeitbeschäftigten ab morgen aufhören zu arbeiten, hätten wir zwar insgesamt weniger Arbeitsstunden, aber pro Kopf (der Vollzeit Arbeitenden) erheblich mehr.

Grafik: Statistisches Bundesamt - Quelle: FAZ

Das verdeutlicht folgende, einfache Rechnung: Von zehn Menschen arbeiten fünf je 20h und fünf 40h. Macht im Schnitt 30h. Zählt man die Teilzeit-Arbeitenden nicht mit: 40h. Teilzeit zieht den Schnitt runter und hierzulande arbeiten überdurchschnittlich viele in Teilzeit.

Überhaupt: Teilzeit nennt die Union in einem Atemzug mit dem Begriff "Lifestyle". Konkret gab es einen Antrag für den CDU-Parteitag mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“. Als würde man hier von der 3-Tage-Woche oder bedingungslosem Grundeinkommen sprechen. Liebe Union, die Menschen, welche in Teilzeit arbeiten, machen das in der Regel nicht aus "Spaß an der Freud", sondern weil sie "nebenbei" einen Haushalt schmeißen, Kinder betreuen, Eltern pflegen oder was auch immer müssen - gerne auch in Kombination verschiedener Optionen (dazu gleich noch mehr). Aber in den Augen von CDU/CSU hängen diese ganzen Teilzeit-Beschäftigten den halben Tag bei Starbucks herum und schlürfen genüsslich Matcha Latte! Wie auch bei der "Stadtbild-Debatte" scheint man Worte massiv unglücklich gewählt zu haben und ist (wieder einmal) um Schadensbegrenzung bemüht. Fakt: Viele Frauen arbeiten in Teilzeit und würden sogar gerne mehr arbeiten, aber finden oft keine Betreuung für ihre Kinder. Das ist ein zentrales Problem: Unzureichende Entlastung durch Kitas und Schulen. Denn: In Deutschland fehlen aktuell allein rund 430.000 Kita-Plätze. Besonders gravierend ist der Mangel bei Kindern unter drei Jahren, wo laut aktuellen Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bundesweit etwa 300.000 Plätze fehlen.

Quelle: Jobspreader

Laut der Union müssen vor allem die Frauen mehr ran. Ganz gleich, dass ihr Anteil in der Arbeitswelt von  1970 mit gerade einmal 46%, über 1991 mit 57%, heute auf 74% gestiegen ist. Und davon sehr viele in Teilzeit. Warum? Männer und Kindererziehung ist immer noch die Ausnahme. Und: Knapp 5 Mio. Menschen werden zu Hause gepflegt, vor allem von Frauen. In Summe kommen Frauen im Schnitt auf gut und gerne 30 Stunden zusätzliche unbezahlte Arbeit pro Woche - Haushalt, Kinder, Familie. Und obendrein sollen sie nach dem Willen der Union nun also auch noch 40 Stunden erwerbstätig sein?

Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Im Umkehrschluss würde "Mütter an die Arbeit" bedeuten: Kinder abgeben, pflegebedürftige Angehörige ins Heim. Selbst wenn man das wollen würde: Es fehlen, wie schon erwähnt, aktuell in Deutschland mindestens 300.000 Kitaplätze und ein Platz im Pflegeheim kostet rund 3.000 Euro Eigenanteil. Und selbst wenn wir mal außer Acht lassen, dass morgen genug Plätze zur Verfügung stehen, inkl. Infrastruktur, Personal und auch die Finanzierung geklärt ist/realisierbar wäre und die Frauen arbeiten könnten - es würde sich sehr oft nicht lohnen. Daran Schuld trägt das Ehegattensplitting. Häufige Konstellation: Der Mann (Vollzeit) hat Steuerklasse III, die Frau (Teilzeit) Klasse V. Würde die Frau mehr arbeiten, würde sie davon nichts haben, denn es werden nahezu 2/3 an Steuern abgezogen. Möchte die Union etwas am Ehegattensplitting ändern? Mitneffen!

Friedrich Merz macht eine einfache Rechnung auf: Mehr Arbeit = mehr Produktivität = mehr Wachstum. Mehrere Gewerkschaften haben Protest gegen die Pläne der Bundesregierung zur maximalen Arbeitszeit angekündigt. Denn: Der Acht-Stunden-Tag? Nach Vorstellungen der Union: Passé! Künftig will die Regierung nur noch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festlegen, z.B. 48 Stunden. Würde bedeuten: Man könnte theoretisch auch nur vier Tage arbeiten, aber dann an jedem zwölf Stunden lang - da sind wir wieder, in den Anfängen der Industrialisierung, wo von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geknechtet wurde (damals aber an sechs Tagen die Woche). Apropos: Die 4-Tage-Woche - also im eigentlichen Sinne (gleiches Gehalt, weniger arbeiten) ist in Merz' Augen ein Angriff auf die Produktivität. Doch das Gegenteil ist belegt, durch die Universitäten aus Boston, Dublin und Cambridge. Diese haben die 4-Tage-Woche bei 33 Unternehmen getestet. Ergebnis: Umsatz zum Vorjahreszeitraum um 37,55% gesteigert. Für die Union nochmal ganz klar ausgedrückt: WENIGER Arbeit = MEHR Produktivität. Klingt komisch, iss aber so. Und darüber hinaus gingen die Einstellungszahlen hoch, die Abwesenheitsrate und die Kündigungen runter.

Mal im Ernst: Welche_r Arbeitnehmer_in wird zufriedener und dadurch produktiver (und seltener krank) sein? Wer zehn Stunden am Tag schuften und gleichzeitig zusehen muss, wie man Kinder, Pflege oder einfach nur den Haushalt auf die Kette bekommt oder jemand, der relativ flexibel in seinem Zeitmanagement ist, ohne von Termin zu Termin hetzen zu müssen, sich auf der Arbeit nicht ausgebrannt fühlt, weil es das sechste Teams-Meeting des Tages ist?

Quelle: BR

Friedrich Merz sagte einmal: "Mit 'Work-Life-Balance' und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht halten und deswegen müssen wir mehr arbeiten.". Klar, es sei denn, du erbst ein paar Millionen. Dann ist es wichtig, dass du die Kohle steuerfrei bekommst und nie mehr arbeiten musst. Alles andere wäre leistungsfeindlich!

Das ist übrigens derselbe Friedrich M., welcher im ZEIT-Podcast „Alles gesagt?“ die Aussage getroffen hat, dass er rückblickend gerne mehr Zeit mit seinen Kindern verbracht hätte. Keine Pointe!

Der causus knacksus ist doch schlicht: Es gibt auf diesem Planeten kaum ein Land, das Arbeit stärker und gleichzeitig Vermögen geringer besteuert.

Wir verteilen seit Jahrzehnten von unten nach oben! Und damit das auch so bleibt, erfindet die CDU jeden Tag neue Gründe, warum die Vermögenssteuer eine Scheiß-Idee sein soll. Da sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Middelberg: "Wir brauchen ein gewisses Maß an Ungleichheit, um auch eine Dynamisierung in einer Gesellschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung hinzukriegen." . Also auf Deutsch: Armut als Wirtschaftsfaktor für wirtschaftliche Entwicklung? Puh, ich für meinen Teil wünsche mir ein gewisses Maß an Hirntätigkeit, um eine Normalisierung der Weltanschauung hinzubekommen. Und Kanzler Merz fügt hinzu: "Wir können die sozialen Versprechen nicht halten, indem wir wenigen, und seien sie noch so vermögend, möglichst viel nehmen!". Ja nee, iss klar. Nochmal: Die reichsten 10% in diesem Land besitzen 56% des Vermögens! Die ärmere Hälfte der Bevölkerung hat gerade einmal 2%. 

CSU-Chef Markus Söder sieht in Mehrarbeit eine Lösung für die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands. „Eine Stunde Mehrarbeit in der Woche würde uns enorm viel Wirtschaftswachstum bringen und ist wirklich nicht zu viel verlangt“, sagte Söder in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“. Eine Streichung eines Feiertags hätte hingegen kaum Wirkung - by the way: Bayern hat (mit) die meisten Feiertage aller Bundesländer und will auf gar keinen Fall auf irgendeinen verzichten. Zudem brauche es die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bereits geforderte Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, wovor der Hausärzteverband jedoch dringend abrät.

Und es geht bei der Union ja munter weiter. Der CDU–Wirtschaftsrat plädiert nun auch noch für die Streichung von Zahnbehandlungen als Kassenleistung. Nach dem Willen der CDU bedarf es also künftig entweder kategorisch (privater) Zusatzversicherungen (na, wer da wohl mitverdienen wird?) oder am Ende der Behandlung heißt es dann in Zukunft vielleicht "Bar oder mit Karte?" oder der/die Zahnarzt/Zahnärztin macht noch eine Weiterbildung zum/zur Finanzberater_in und bietet Ratenzahlungsmodelle an. Scherz beiseite: Gesundheit darf nie eine Frage des Geldbeutels sein!

Der Wirtschaftsrat der CDU fordert ferner eine „Agenda“ für Arbeitnehmer. Die Rente steht dabei im Fokus. Unter anderem gehört die „Rücknahme der Privilegierung einzelner Gruppen durch die verschiedenenen Rentenpakete der großen Koalitionen“ zu den Empfehlungen. Laut der Deutschen Rentenversicherung (DRV) erhielten Berechtigte 2024 im Schnitt 97 Euro monatlich. Diese Summe würde dann fehlen und die Zahl der armutsgefährdeten Personen zunehmen. Auch die Abschaffung der sogenannten Mütterrente hätte geringere Renten zur Folge - betroffen wären vor allem Frauen. Wer vor der Regelaltersgrenze in den Ruhestand geht, muss höhere Abschläge als bisher in Kauf nehmen. Der DGB kritisiert diese Pläne als „Tritt vors Schienbein“.

Und bei der Rente soll es nicht aufhören: Auch Krankenversicherung und Arbeitslosengeld sind Bestandteil von Kürzungen. Klarer kann man nicht sagen, dass einem die Menschen im Land komplett egal sind: Rentenkürzung mit mehr Altersarmut für Frauen, und wer seinen Job verliert, kann sehen, wo er abbleibt. Das Arbeitslosengeld zu kürzen, ist der niederträchtige Versuch, viele Menschen auf Arbeitssuche in gering bezahlte Arbeit zu niedrigen Löhnen zu zwingen.

Ganz ehrlich: Ich starte bald eine Petition, dass die CDU wie auch die CSU das "C" aus ihrem Namen streichen möge. Alles, womit man aktuell um die Ecke kommt, hat nicht das Entfernteste mit Christlichkeit zu tun.

So, und jetzt genug gelesen - geh' gefälligst wieder arbeiten, du faules Stück Sch#*ße!

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