Am Wochenende wurde der FC Bayern München (die Herren - die Damen können in Kürze nachziehen und ebenfalls vorzeitig den Titel holen) deutscher Fußballmeister. Mal wieder. Zum 35. Mal in der Geschichte... FÜNFUNDDREIßIG MAL. Der DFB ist gerade in seiner 63. Spielzeit. Rein rechnerisch hat der FC Bayern also mehr als jede zweite Saison gewonnen. Und dieses Mal mit einer Dominanz, dass man befürchten muss, dass es (auf Dauer) ziemlich langweilig in der Bundesliga werden dürfte bzw. bleibt. Da waren Siege gegen Bremen und Berlin (je 4:0), Hamburg (5:0), Hoffenheim (5:1), Leipzig (6:0), Freiburg (6:2) oder Wolfsburg (8:1) - und das waren nur die Heimspiele. In ihren eigenen Stadien bekamen Frankfurt, Bremen und M'Gladbach (je) drei Tore eingeschenkt, Heiden- und Hoffenheim je vier, Stuttgart, Leipzig und St. Pauli sogar fünf.
Sie können nach dem 30. Spieltag 79 Punkte auf dem Konto verbuchen - diese resultierten aus 25 Siegen, vier Unentschieden und nur einer Niederlage. Einzig dem vergleichsweise kleinem FC Augsburg gelang bislang das Kunststück die Bayern zu bezwingen (2:1 im Olympiastadion). Auch hier einfach mal der Vergleich: Der gesamte Kaderwert des FC Augsburg wird laut Transfermarkt auf rund 159 Millionen Euro geschätzt. Der Kaderwert des FC Bayern München liegt im April 2026 bei rund 965 Millionen Euro. Das sind bummelig sechs mal so viel wie der FC Augsburg oder auch etwa gleich viel wie Platz 2 (Dortmund 498 Mio.) und 3 (Leipzig 471 Mio.) zusammen in diesem Ranking.
Die Bayern haben 109 Tore geschossen, dabei gerade einmal 29 Gegentore kassiert - 29... in 30 Spielen! Die Gegner kamen nie über zwei Tore hinaus. Elf Mal spielten die Bayern ohne Gegentor. Und es stehen ja noch vier Spieltage aus. Der Zweitplatzierte Dortmund hat bis dato 64 Punkte, also 15 weniger und schoss in der bisherigen Saison 61 Tore. Geringfügig besser (62 Tore) war der VfB Stuttgart und nur knapp dahinter Leverkusen (60), Leipzig und Hoffenheim (je 59). Also, nur damit man mal die Range begreift. Ich bin wahrlich kein Bayern-Fan und gönne durchaus jedem seinen Erfolg. Aber das ist schon in der Summe etwas befremdlich.
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| Bild: Collage |
Ähnlich dominant wie in dieser waren die Münchner in der Rekord-Saison 2012/2013, wo am Ende 91 Punkte und eine Tordifferenz von +80 stand. Gut möglich, dass sie am Ende dieser Saison ihre Bestmarke nochmals knacken. Punkte-mäßig sind nicht mehr als 91 drin (79+12), dafür müssen aber auch in den verbleibenden vier Spielen, vier Siege her - gegen Mainz (Platz 10), Heidenheim (Platz 18), Wolfsburg (Platz 17) und Köln (Platz 12) wird das sicher kein Ding der Unmöglichkeit werden. Tore-technisch ist noch Luft nach oben. Diese Überlegenheit macht die Liga langweilig. Schon seit Jahren beschäftigt sich die Sportschau (und alle anderen Sportsendungen) lieber mit dem "Abstiegskrimi", also der Frage, wer den Verbleib in der (1.) Bundesliga schafft oder nicht und wer aus der zweiten Liga aufsteigen kann. In diesen beiden Fragen ist eindeutig mehr Spannung drin. Bayern hat in den letzten 25 Jahren 18 Mal die "Salatschüssel" errungen. Ist das ein vorrangig deutsches Phänomen? Schauen wir dazu in die europäischen Nachbar-Ligen.
FRANKREICH: In der "Ligue 1" hat Paris Saint-Germain seit 2013 elf Titel gewonnen, ist hier auch mit 13 Meisterschaften Rekordtitelträger, insgesamt also schon sehr dominant. Andere Sieger waren Lyon (frühe 2000er), Monaco und Lille. PSG erzielte in der Saison 2015/16 96 Punkte und mehr oder minder regelmäßig >100 Tore pro Saison. Interessant: In der französischen "ewigen Tabelle" steht PSG nur an Platz 12, mit 2.877 Punkten. Olympique Marseilles (neun Meistertitel, 14x Vizemeister) führt diese Rangliste mit 4.144 Punkten haushoch an. Frankreich hat wie Deutschland auch 18 Mannschaften in der Liga.
ITALIEN: In der "Serie A" hat Juventus Turin landesweit die meisten (36) bzw. neun Titel in Folge (2012–2020) geholt, danach gab es immer wieder Wechsel: Inter Mailand, AC Mailand, SSC Neapel. Die Dominanz ist also mehr phasenweise, aber nicht dauerhaft wie die Bayern. Juventus Turin hatte in der Saison 2013/14 102 Punkte erspielt, was bislang wohl als europaweiter Rekord gilt (in der Serie A spielen aber auch 20 Teams, folglich sind bei 38 Spielen max. 114 Punkte möglich). In Italien werden normal jedoch eher weniger als 100 Tore pro Saison erzielt, da dort eher ein defensiver Spielstil herrscht.
SPANIEN: In der spanischen "La Liga" haben Real Madrid und der FC Barcelona zusammen die große Mehrheit der Titel geholt - Atlético Madrid als gelegentlicher Ausreißer. Hier haben wir also eine Art Doppelmonopol, aber keinen einzelnen "Dauermeister". Real Madrid ist hier mit 36 Titeln ähnlich erfolgreich wie Bayern München in Deutschland (FC Barcelona 28 Titel). Real Madrid hatte in der Saison 2011/12 die magische 100-Punkte-Marke geknackt (auch hier gibt es 20 Teams, also 38 Spiele).
ENGLAND: In der "Premier League" gab es mehrere Sieger seit 2000: Manchester United, Manchester City, Chelsea FC, Arsenal FC, Liverpool FC und Leicester (Ausnahme). Hier gibt es also mit Abstand am wenigsten Dominanz bzw. die höchste Wettbewerbsbreite. Manchester United ist Rekordmeister mit 20 Titeln insgesamt. Manchester City hatte in der Saison 2017/18 mit 100 Punkten und 106 Toren den Rekord aufgestellt (auch in England gibt es 20 Teams und damit 38 Spiele/Saison).
Wir können also, was die Dominanz einzelner Clubs in den Fußball-Ligen Europas betrifft, festhalten:
- Deutschland → extrem (ein Klub dominiert dauerhaft)
- Frankreich → ähnlich (PSG-Monopol)
- Italien → zyklisch dominant
- Spanien → "Duopol" (zwei Clubs)
- England → kompetitiv (viele Sieger)
Was bedeutet das nun für den FC Bayern München? Die Frage bei den Bayern ist nicht so sehr, ob sie feiern dürfen, sondern vielmehr wann - im April oder doch erst im Mai. Der Meistertitel ist auch eher ein "nice to have", auch so der DFB-Pokal. Beides ist im Gesamten schön, aber nur mit dem Gewinn der Champions League wirklich dem eigenen Anspruch gerecht. Am Wichtigsten ist die Champions League, da man sich hier ja mehr oder minder nur wirklich auf Augenhöhe mit anderen europäischen Top-Clubs messen kann. Allerdings ist hier Real Madrid in einer "anderen Liga", denn von 18 Finalteilnahmen haben sie 15 Mal den Titel geholt (83,3% Erfolgsquote). Auf Platz 2 rangiert... nein, nicht Bayern München, sondern der AC Mailand mit 7 Titeln (11x im Finale = 63,3%) und hier sind die Bayern nur Dritter mit 6 Siegen, bei 11 Teilnahmen (54,5%). Von der Quote her waren sogar der Fünftplatzierte FC Liverpool (6 Titel aus 10 Finalteilnahmen = 60%) und der FC Barcelona (5 Titel, 8x im Finale = 62,5%) und sogar Ajax Amsterdam besser (4 Titel, 6x im Finale = 66,7%). Funfact: Juventus Turin stand neun Mal im Finale des Wettbewerbs, konnte ihn aber nur zwei Mal für sich entscheiden (22,2%).
Zurück nach Deutschland: Die Bundesliga wandelt sich mehr und mehr zu einer Art Dienstleister, der dem FC Bayern Sparring auf gehobenem Niveau anbietet. Ein Aufwärmprogramm, das die Münchener nutzen können, um sich für die eigentliche Herausforderung, die Champions League, in Schwung zu bringen. Diese Selbstverzwergung der Liga ist nicht nur traurig, sondern auch langweilig.
Da es einigen Vereinen in Europa ähnlich ging, kam 2021 die Idee der "Super League" auf. Diese idee wurde von zwölf Fußballvereinen (später auch als "dreckiges Dutzend" beschimpft) angestoßen:
- aus England: FC Arsenal, FC Chelsea, FC Liverpool, Manchester City, Manchester United, Tottenham Hotspur
- aus Italien: AC Mailand, Inter Mailand, Juventus Turin
- und aus Spanien: FC Barcelona, Atlético Madrid, Real Madrid
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| Die Freude ist überschäumend - Screenshot Sportstudio |
Man konnte das "business as usual" beim bzw. nach dem Spiel gegen Stuttgart schön beobachten: Kurz vor Abpfiff holte man die Papiertüten mit den Meisterschafts-T-Shirts hervor, fein säuberlich sortiert nach Größen - muss ja alles gut organisiert sein, so eine Meisterfeier. Nach Abpfiff (spätestens) wurde dann in der Management-Loge mit Bier und Wein angestoßen. Und man schaue einmal beim vorherigen Foto links unten (ist das der gealterte Paul Breitner?) auf den Herrn mit dem rot-weißen Fanschal - das ist überbordende Freude nach dem Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft. Die Dame daneben hat vielleicht nicht erst die erste Weißweinschorle in der Hand. Und auch sonst sehen die Gesichter von Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Co. aus, als ob sie beim Vereinsfest um den Grill stehen und der Bratwurst beim schwarz werden zuschauen, nicht dass man gerade den größtmöglichen Erfolg im deutschen Vereinsfußball zu feiern hätte.
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| Die Meisterschafts-Shirts stehen bereits, nach Größen sortiert, parat - Screenshot Sportschau |
Festlich, in Dirndl gekleidete Hostessen verteilten unter der Prominenz fleißig Hopfen- bzw. Weizenkaltschalen. Aber nur dort. Auf dem Rasen bleibt es trocken. Keine Weißbierduschen. Nichts. Denn, so der Kommentator "Die Mannschaft hat ja noch ein paar große Ziele, in den kommenden Wochen".
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| Gückwunsch hier, Bussi dort, schnell eine WhatsApp ("Ich komm' etwas später, 'muss' noch Meisterschaft feiern!") und ein Tablett mit Bieren - so feiert man in München - Screenshot Sportschau |
Ich hab es schon öfter gesagt und ich sage es wieder: In jeder, JE-DER (!) deutschen Stadt würde nach dem Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft kein Stein auf dem anderen bleiben. Tagelang Ausnahmezustand. Egal ob Hamburg, Köln, Stuttgart oder Leipzig, in kleineren Städten würden vermutlich die Kinder sogar schulfrei bekommen. In München ist es eher andersrum: Wird man mal nicht Meister, wird sofort der Trainer infrage gestellt. Dann ist Stimmung, wie sieben Tage Schlechtwetter. Wird man doch auch noch nicht DFB-Pokalsieger, dann wird es schon zappenduster. Und wird man schlechter als ein Buch (das hat mind. einen Titel), dann wird alles auf den Kopf gestellt: Mannschaft, Trainer und sogar die Führungsriege. Ein zweiter Platz ist der (Fußball-)Schickeria net genug. Oder wie es Markus Söder ausdrücken würde: Bayern.. Bayern... Bayern... Bayern.
Letztendlich geht es aber schon längst nicht mehr um Gefühl, Emotion oder was-auch-immer. Es geht im Grunde nur um Kohle. Fußballvereine sind Wirtschaftskonzerne. Titel gehören dazu, weil Erfolg Umsatz bedeutet. Lizenzen, höhere Einnahmen durch TV-Rechte, Vermarktung des eigenen Namens (ein Meister-Trikot verkauft sich bei den Fans halt doppelt gut). Wir sind z.B. weit, weit davon entfernt, wie Fußballspieler in den Anfangszeiten "entlohnt" wurden. Die Weltmeister von 1954 erhielten vom DFB eine vergleichsweise geringe Prämie von 2.500 D-Mark (nach anderen Quellen lediglich ca. 1.000 bis 1.250 DM) pro Spieler. Zusätzlich bekamen die Spieler Sachpreise, darunter ein Goggomobil (ein Kleinstwagen), einen Motorroller, einen Lederkoffer sowie einen Fernseher.
Mal ganz am Rande ein anderes Thema, das verdeutlichen soll, dass es im Fußball nicht zwingend "wirtschaftlich" zugeht. Sascha Boey ist ein französisch-kamerunischer Fußballspieler. Er steht seit Januar 2024 beim FC Bayern München unter Vertrag und ist ehemaliger französischer Nachwuchs-Nationalspieler. Aktuell ist er an Galatasaray Istanbul ausgeliehen. Was wäre, wenn der FC Bayern einfach anstelle von Sascha Boey Hühner gekauft hätte? Also wirklich rein wirtschaftlich betrachtet? Der FC Bayern hat für Boey sage und schreibe 30 Mio. Euro Ablöse bezahlt. Dazu kommen dann 3 Mio. Euro Gehalt - pro Jahr versteht sich! Kosten für zwei Jahre (wir betrachten der Einfachheit mal nur 2024 und 2025) insgesamt also 36 Mio. Euro.
Wenn der FC Bayern dafür nun Legehennen gekauft hätte und wir nehmen hier auch "den FC Bayern der Legehennen", die Rasse "Lohmann Brown". Eine solche Henne kostet aktuell roundabout im Schnitt 20 Euro. Für die 36 Mio. Euro hätte man also nicht weniger als 1,8 Mio. Hennen kaufen können. Im Durchschnitt legt eine Henne der Rasse "Lohmann Brown" 320 Eier pro Jahr, also kommen alle 1,8 Mio. Hennen auf 576 Mio. Eier jährlich. Hätte der FC Bayern die Eier zum Ladenpreis von 0,25 Euro verkauft, wären das 144 Mio. Euro Umsatz im Jahr, in beiden Jahren also 288 Mio. Euro! Für ein Invest von 36 Mio. Euro.
Und selbst wenn man jetzt sagt, "ja aber 1,8 Mio. Hühner müssen ja auch irgendwo untergebracht werden, Futterkosten, usw." - gut, ziehen wir dafür mal pauschal 5 Mio. ab - da sollte ein annehmbarer Stall drin sein. Die Futterkosten für ein Huhn belaufen sich auf etwa 3 bis 5 Euro pro Monat, macht rund 50 Euro im Jahr pro Huhn, also 90 Mio. Futterkosten. "Aber irgendwer muss die Hühner ja auch füttern, die Eier einsammeln, verpacken, etc.". Okay. Stellen wir 250 Mitarbeiter_innen dafür ein. Jede_r bekommt netto 2.500 Euro monatlich (= brutto etwa 5.000). 2,5 Mio. Lohnkosten. Dann bleiben von den 288 Mio. Euro immer noch 100 Mio.! Und ja, das ist alles sehr grob gerundet. Und wenn man die Legehennen dann noch als Suppenhühner verkauft, sind bis zu zwei Euro pro Tier drin - macht 3,6 Mio. In Summe also rund 104 Mio. Gewinn aus 36 Mio. Invest (und den Stall hat man immer noch).
"Ja aber Hühner schießen ja keine Tore!". Sascha Boey war an insgesamt 38 Mal eingesetzt und an sage und schreibe sechs Toren beteiligt (keines selbst geschossen). Bayern sollte sein Geschäftsmodell nochmal überdenken.




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