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Wunden gibt es immer wieder...

...dieser leicht abgewandelte Titel des Liedes, mit dem Katja Ebstein 1970 den dritten Platz beim Eurovision Song Contest (ESC) bzw. dessen Vorläufer belegte, ist Programm für das, was in den letzten 15 Jahren beinahe ausnahmslos jeder deutsche Beitrag beim weltweit größten Musik-Event erfahren musste: Wunden lecken am Tag danach.

Wer sich den ESC aus deutscher Sicht anschaut, muss (seit Jahren schon) eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen. Mit grandioser Zuverlässigkeit, rangiert Schwarz-Rot-Gold am Ende der Show, nach grob vier Stunden, irgendwo auf der rechten Seite des Tableaus und dort sogar meist recht weit unten. Und dennoch heißt es im Folgejahr immer wieder hoffnungsvoll "aber diesmal" oder "damit schaffen wir es aber jetzt". Nur um dann wenige Monate wieder dieselben Schlagzeilen zu lesen "Enttäuschung beim ESC". Wie kann man enttäuscht sein, wenn man streng genommen keine Erwartung hatte bzw. haben durfte?


Wünscht man sich bei manchen ESC-Beiträgen... die Escape-Taste (Foto: privat)

Im Vorfeld war man sich einig, dass Sarah Engels mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Erfolg haben werde. Alles oberhalb des 20. Platzes wäre eine faustdicke Überraschung gewesen. Nach gefühlten Ewigkeiten, als der NDR die Verantwortung hatte, durfte nun erstmals der SWR dran. Man denkt "neue Besen kehren gut". Doch auch die Technik ist entscheidend: Wenn ich mit einem neuen Besen, ähnlich kacke kehre, wie mit dem alten zuvor, kann ich kein besseres Ergebnis erwarten - der Boden bleibt dreckig. SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler sagte trotz dessen noch in der ESC-Nacht, er sei im Grunde hochzufrieden mit der Arbeit des Teams. „Wir hätten uns eine bessere Platzierung gewünscht“, sagte er - aber: „Wir haben etwas sehr Gutes abgeliefert mit der Bühnenperformance. Wir wollen so weitermachen.“. Irgendwie klingt das wie eine Drohung.

Meines Erachtens nach liegt aber schon hier der erste Fehler in der Architektur des konsequenten Scheiterns: Als der NDR den Staffelstab an den SWR übergab, wird es sich ähnlich zugetragen haben, wie seinerzeit die Namenssuche für das Bordmagazin des ICE. Ich meine, ich vermute das einfach mal, ich war ja nicht dabei, bin auf meine Vorstellungskraft angewiesen. Ich kann es mir aber bildlich vorstellen: Frankfurt 1995. Skyline. 23. Stock. Im großen Konferenzraum sitzen jede Menge hochbezahlter Menschen. Fragestellung: Wir brauchen einen neuen Namen für das Bordmagazin. Stille. Angestrengtes Überlegen. Plötzlich meldet sich einer und sagt "Wie wäre es denn mit 'ZUG'?".

DB-Kundenmagazin von 1995 bis 1999 - Quelle: Karl May Verlag

Geile Idee! Machen wir so! Mahlzeit! Zurück zum Thema.

Ähnlich wird man sich im Südwesten gedacht haben, „Die Leute von den 'jungen Radiowellen', die machen doch irgendetwas mit Musik? Fragen wir doch die einfach mal wegen diesem ESC!?“. Wer kennt das Programm von NDR2, WDR2, Bremen4 und Co.? Also an Christi Himmelfahrt a.k.a. "Vatertag" gab es dort den großen "Wunschhit-Marathon". Da wurden Titel gespielt, die man Lichtjahre nicht mehr im Radio gehört hat. Einerseits "Schnappi das kleine Krokodil" aber auch Dean Martin "That's Amore" oder The Trashmen mit "Surfin' bird" - by the way: Der wäre mit seiner Bühnenperformance 1963 mühelos ESC-Sieger geworden. Abseits solcher Sonderaktionen ist das Formatradio jedoch sehr glattgebügelt - perfekt zum Nebenbeihören, wenig Ecken und Kanten, nichts, was zum Wegschalten verleiten soll. Für das Kofferradio im Büro perfekt. Für den ESC allerdings wenig hilfreich.

Wer hat denn bitte JJ's Gewinnersong „Wasted Love” seit seinem Sieg 2025 ein einziges Mal im Radio gehört? Oder „The Code“ von Nemo? Oder „Stefania“ vom Kalush Orchestra? Oder "Rise Like A Phoenix" von Conchita Wurst? 1Live- oder HR3-Menschen machen sicher einen tollen Job, ich wage jetzt aber mal eine steile These: Sie sind mitunter nicht die perfekten Berater_innen, wenn es um den ESC geht. In ganz Europa gibt es unzählige Acts, die beim ESC den Sieg verpassten oder sogar früh ausschieden, deren Lieder dank ihres „Radio-Pop“-Sounds aber zu echten europaweiten Hits wurden. 

  • Texas Lightning – No No Never (Deutschland, 2006): Trotz eines eher mittelmäßigen Platzes 14 beim ESC dominierten sie die deutschen Radiosender.
  • Domenico Modugno – Volare (Italien, 1958): Wurde beim ESC nur Dritter, entwickelte sich danach aber zum absoluten Welthit.
  • Rosa Linn - Snap (Armenien, 2022). Obwohl das Lied im Finale nur den 20. Platz belegte, avancierte es anschließend durch TikTok zu einem weltweiten Megahit, der sich in den offiziellen Charts zahlreicher Länder platzierte.
  • Alice Merton – No Roots (Deutschland-Vorentscheid, 2017): Schaffte es in Deutschland nicht einmal zum ESC-Vorentscheid, wurde aber ein weltweiter Radio-Hit

Sarah Engels "Fire" war handwerklich nicht schlecht gemacht. Performance ordentlich, bot eine gute Show, traf die Töne sauber, stürzte sich sogar furchtlos aus zwei Metern Höhe rückwärts in die Arme ihrer Tänzerinnen. Aber in Summe nicht mehr zeitgemäß! „Der Song klingt retro, ohne retro sein zu wollen“, sagte Entertainer Thomas Herrmanns. Und wer bei der Aufführung die Augen schloß und sich gedanklich roundabout 15 Jahre zurückbeamte, der konnte den Eindruck gewinnen, dass man seinerzeit mit relativ wenig Textil und viel Haar-Gewerfe mit diesem Latin-Sound noch irgendwas reißen konnte - wenn man aus A-SEHR-Baidschan kam. Aber halt nicht mehr 2026.

Wildes Mädchen, schüttel dein Haar für mich - Quelle: Screenshot ESC-Finale

ESC-Deutschland verlässt sich seit Langem (erfolglos) auf die ungute Ästhetik des Akzeptablen, bei der (zu) viele glauben, Pop müsse vor allem konsensfähig sein. Bloß nicht zu laut, zu abgefahren, zu riskant. Das Resultat sind Songs, die wirken wie PowerPoint-Präsentationen über menschliche Gefühle

Und ich mache mir wenig Hoffnung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk das Zepter für den ESC jemals abgeben wird. Dafür ist es einfach zu günstig produzierte Unterhaltung. Das ist ein einfaches Rechenbeispiel: Für etwas über eine halbe Million Euro (Startgebühr und Produktionskosten des Vorentscheids) bekommt man rund bis zu acht Stunden TV-Programm im Gegenzug. Zum Vergleich: Ein 90-minütiger Tatort kann gut und gerne 1,5 bis 1,7 Mio. Euro verschlingen. Und gewinnen will man eigentlich auch nicht wirklich, denn den ESC ausrichten, kostet richtig Asche: Laut der österreichischen Zeitung "Standard" beliefen sich die Gesamtkosten für den ESC 2026 in Wien auf rund 36 Millionen Euro.

Wie fasst es einer meiner Lieblingsautoren Imre Grimm herrlich treffend zusammen: Weder ARD noch ZDF halten außerhalb experimenteller Biotope beim Jugendableger „Funk“ Sendeplätze für frische Popmusik bereit. Nachts in den Dritten Programmen heult man nostalgiebesoffen alten „Talentschuppen”- und „Rockpalast”-Zeiten hinterher, nebenan bei Sat.1 baut man sich eine hübsche Musik-Quizshow aus Evergreens wie „Hast du Töne?!“. Aber neue, junge Musik? Stattdessen wird getalkt, gemordet und hölzern ermittelt, dass es nur so qualmt. Recht hat er.

Man mag über ihn aktuell denken, was man möchte, aber als seinerzeit Stefan Raab den ESC zur "Chefsache" machte, hatte eben kein "Radio-Fuzzi" die Hände im Spiel, sondern jemand, der sich mit Fernsehen und Show auskennt (bzw. auskannte). Das Ergebnis war Deutschlands zweiter (und bislang letzter) ESC-Sieg in der Geschichte (Lena mit "Satellite"). Und auch die Moderation durch den Abend im Folgejahr 2011 durch das Trio Engelke, Raab, Rakers war Lichtjahre besser, als das, was man dieses Jahr von Frau Swarovski und Herrn Ostrowski ertragen musste. Was also die Planung des Auftritts, aber auch die Auswahl der Künstler_innen betrifft, sollte man zukünftig wieder mehr der Fernsehsparte den Vorrang geben. Im Radio kannst du aussehen, wie ein Teller bunte Knete oder ein Tanztalent haben, als hätte man dir ein lebendiges Frettchen in die Hose getan. Das sieht keiner - solange die Stimme passt, ist alles gut. Fernsehen spricht halt (mindestens) zwei Sinne an.

Das war ne Show! ESC 2011 in Düsseldorf - Foto: dpa, Quelle: TAZ

Auch beim Voting würde ich dazu raten, andere Wege zu gehen. Beim Vorentscheid sollen sich im Grunde alle Jurymitglieder einig gewesen sein, Sarah Engels nicht zum Contest schicken zu wollen (angesichts der geringen Erfolgschancen). Warum sie dann doch in der Empfehlung der letzten Drei war? Einfach aufgrund ihres Bekanntheits-Status. Die Fachjury empfahl ja drei völlig unterschiedliche Songs, über die dann das Publikum final abstimmen durfte. Und das gemeine Publikum ist dann auch eher wie der Ausrichter: Konsensfähig, nicht zu abgefahren, nicht zu riskant. Der im Vorentscheid zweitplatzierte "wavvyboi" durfte ja beim Hauptevent lediglich die deutschen Punkte vortragen, betonte jedoch mit einem gewissen Unterton, dass er zumindest auf diese Weise Teil der Show sein darf. Tja, c'est la vie, wie wir Lateiner sagen.

Wenn man ehrlich ist, dann bleibt nur das Schrille, das Außergewöhnliche im Kopf: Erinnern wir uns noch 20 Jahre später an Lordi? Definitiv! Auch erinnern wir uns an Schwedens Sauna-Song oder "Espresso Macchiato" von Estlands Johnny Cash aus dem Vorjahr, gleichwohl sie nicht gewonnen haben. Auch Serka Verduchka aus dem Jahr 2007 mit "Dancing Lasha Tumbai" ist nahezu legendär. Oder erinnern wir uns an den Auftritt der polnischen Sängerin Cleo 2014 in Kopenhagen: Sie trat mit dem folkloristischen Hip-Hop-Song "My Słowianie - We Are Slavic" auf. Während des Auftritts stampfte das Model Paula Tumala aufreizend Butter in einem traditionellen Holzfass, was für viel Aufsehen und zahlreiche Schlagzeilen sorgte. Nochmal: Windmaschinen und Pyrotechnik sind heutzutage Standard und auch mit sogenannten "Trick-Kleidern" (dies Element hatte auch Sarah E. im Repertoire) sahnst du keine Extra-Punkte mehr ab. Måns Zelmerlöw & Petra Mede zeigten 2016 das Geheimrezept, wie man den ESC gewinnen kann, da sieht man viel Vertrautes.

Ein Mann im Hamsterrad, ein brennendes Piano, Omas die Brot backen... das braucht es für den Sieg - Screenshot "Love Love Peace Peace"

Das sind allesamt Beiträge, die alles waren, aber nicht gewöhnlich. Man würde sich völlige Narrenfreiheit beim Vorentscheid wünschen - einfach mal machen lassen. Bloß kein Korsett, in das es sich reinzuquetschen gilt. Jeder "Singer-Songwriter", der sich nur mit der Gitarre auf nen Barhocker setzt, sofort raus. Jede Frau, die im langen Abendkleid eine herzzerreißende Ballade schmettert, "Danke, wir melden uns" (nicht). Verstehen wir uns bitte nicht falsch. Ich habe nichts gegen Singer-Songwriter_innen. An Text, Musik und Produktion von "Fire" waren nicht weniger als sechs  Personen beteiligt - plus das Musikproduktionskollektiv OSSIA Berlin. Man komponiert heute im Rudel: Es gibt Experten nur für Refrains, Fachleute für die Bridge, Beauftragte für den Beat. Beispiele: „Peaches“ von Justin Biber wurde von einem elfköpfigen (!) Songwriting-Team verfasst. Für „Sicko Mode” von Travis Scott werden bis zu 20 (!) Mitwirkende genannt. Aber wie sagt ein Sprichwort so schön: Viele Köche verderben den Brei. Entsprechend schwer kann es Künstler_innen heutzutage fallen, sich an die sekundengenau kalkulierten, Spotify-optimierten Soundcollagen zu halten.

Aber wir müssen uns auch daran erinnern, dass der ESC von der Grundidee ein "Komponisten- und Textdichter-Wettbewerb" ist. Gesangsinterpreten sind mehr oder minder eigentlich "Beiwerk". Praktisch wie Steckschaum für Florist_innen.

Aber nochmal: Der ESC ist kein Formatradio und auch kein Spotify. Songs, die an diesem einen Abend im Mai gewinnen, steht nicht zwingend eine Heavy Rotation oder ein Platin-Status ins Haus, können aber ein gutes Sprungbrett für die weitere Karriere sein. Für den Sieg des Wettbewerbs ist es jedoch nichts weiter als eine dreiminütige Momentaufnahme und die muss sich in den Köpfen von rund 170 Mio. Zuschauer_innen verfangen und dazu können dann halt auch vermeintlich sinnbefreite Texte bzw. Liedtitel wie "Bangaranga" führen, die sich aber festsetzen im Kopf. Dazu eine schräge Performance mittels Tanz-Choreo oder Outfit, so einfach können die Grundzutaten sein.

Auf den vordersten Plätzen landeten dieses Jahr immerhin ein mittfünfziger Italiener, der schlagermäßig in Landessprache "Für immer ja" sang (Platz 5), eine scheinbar junge australische Celin Dion, die fünf Meter über ihrem Klavier schwebte (Platz 4), aber auch ein konsumkritischer ausgeflippter Grieche mit Pudelmütze (Platz 10) und eine mutmaßlich vom moldawischen Tourismusverband gesponsorte Nummer "Viva, Moldova!" (Platz 8). 

Und selbst wenn man sich Israel anschaut: Aufgrund dessen Teilnahme boykottierten fünf Länder dieses Jahr den ESC. Grund: Das Vorgehen im Gaza-Streifen. Warum hat Israel dennoch den 2. Platz eingefahren, trotz zahlreicher Buh-Rufe während den Aufführungen?  Es ist wesentlich einfacher, für ein Land abzustimmen, als explizit gegen ein Land. Während die Befürworter des israelischen Beitrags – sei es aus politischen oder rein musikalischen Gründen – gezielt und relativ einfach bis zu zehnmal pro Gerät für Israel anrufen konnten, hätten sich die Protestler untereinander abstimmen müssen, wen sie stattdessen unterstützen. Die Stimmen einfach nur auf beliebige andere Länder zu verteilen, das hätte keinen nennenswerten Effekt gehabt. Die Israel-Supporter waren gegenüber den Gegnern also im klaren Vorteil.

Selbst die kroatische Ethno-Pop-Nummer "Andromeda" der Gruppe Lelek, eine handvoll sehr esoterisch daherkommende Frauen, die mit Gesichtsbemalung und folkloristischer Tracht auf Kroatisch (Chorgesang mit Betonung auf Perkussion und Streicher) gesungen hat - und das nicht mal gut... wenn ich mir vorstellen müsste, das auf einem zweistündigen Konzert aushalten zu müssen, ich würde mir freiwillig die Ohren mit einem Löffel auskratzen. Das ist alles, nur nicht massentauglich, reichte aber dennoch für Platz 15!

Da wird noch mit Leidenschaft gejault - Screenshots Lelek "Andromeda"

Vielleicht sollte man das deutsche Publikum auch einfach komplett raushalten. Was nützt denn eine noch so tolle Fachjury, wenn am Ende Kevin und Saskia entscheiden, wer sich in Europa die rote Laterne abholen darf? Nicht weniger als 20 Köpfe saßen in der international besetzten Fachjury des deutschen Vorentscheids: Ruslana aus der Ukraine (Siegerin ESC 2004), Luca Hänni aus der Schweiz (Teilnehmer ESC 2019), Roksana Węgiel (polnische Siegerin des Junior-ESC 2018) um nur einige zu nennen. Okay, wenn nur eine Jury entscheidet, ist das auch lange kein Erfolgsgarant: 2009 wurde der Siegertitel unter Regie des NDR nicht durch einen Wettbewerb, sondern eine interne Juryentscheidung ermittelt. Nach Moskau schickte man dann "Alex Swings Oscar Sings!" bestehend aus Oscar Loya und Alex Christensen (ja genau, der von U96 "Das Boot") mit dem Titel "Miss Kiss Kiss Bang" und niemand geringeres als Dita Von Teese trat als teuflische Mrs. Kiss auf. Der Titel allerdings war so belanglos, dass ich ihn nicht einmal verlinke. Endresultat: 20. Platz.

Aber dann kann man sich den ganzen Klumpatsch auch sparen und geht nur nach Youtube- oder TikTok-Likes - im Ernst, alle, die sich qualifizieren wollen, geben #ESC2027 in die Videobeschreibung und wer bis zur gesetzten Deadline die meisten Likes hat, vertritt Deutschland. Punkt, aus, fertig. 

Nein, jetzt mal im Ernst. Warum gibt es bei uns nicht solche Musikfestivals, wie in Italien oder Schweden? Wo über Wochen und Monate für die Titel Stimmung gemacht wird? Für "Fire" brannte (!) ja nicht mal das eigene Publikum. Man hat den Song nach der Finalshow im Vorentscheid praktisch nie wieder im Radio oder Fernsehen gehört/gesehen. Der Song stieg Anfang März nach dem Vorentscheid auf Platz 75 der deutschen Single-Charts ein, flog jedoch umgehend wieder aus den Top 100. Also scheinbar war nicht mal das heimische Publikum "on fire" (hö hö). Wie soll es dann mit Europa klappen?

Nochmal: Ich will Sarah Engels nicht unterstellen, nur mit angezogener Handbremse gesungen oder performt zu haben. Es gab ja während des Auftritts mehrmals Szenen-Applaus in der Halle. Ich glaube schlichtweg, dass diese Art von Song ein Missgriff war, mit dem man den halben Kontinent (plus Australien) eben nicht abholt.

Noch ein Kommentar zum Voting: Prinzipiell finde ich es ja gut, dass es einerseits eine Fachjury gibt und andererseits das Publikum. Aber schlussendlich ist diese Punktevergabe doch (früher) das eigentliche Highlight (gewesen). Früher konnte man wirklich mitfiebern, als es hieß "United Kingdom one point", ... "Spain six points"... "an finally our 12 points go to...". Heute ist die allgemeine Honig-ums-Maul-Schmiererei viel länger, als die Bekanntgabe der 12 Punkte: Wir rufen Zypern... "Hallo Wien and good evening Europe. Here is Nikosia. First of all, we thank you for this amazing show and you look wonderful tonight." - dann kommt standardmäßig immer nochmal irgendeine Anspielung auf den eigenen Beitrag, wie toll der doch war (entweder mit einer Textzeile oder einem prägnanten Accessoire wie einer Mütze o.ä.). Leute, das Voting ist vorbei! Ihr seid mitten in der Punktevergabe! Dann das erlösende "The twelve points of the Cipriot jury go to... (dramatische Pause)... GREECE!". Ja, welch Wunder, damit konnte ja nun wirklich nie-mand rechnen!

Was ich eigentlich sagen will: Klar, wir haben nicht mehr die Zeit, alle 35 Länder gebetsmühlenartig die Punkte von eins bis zwölf verlesen zu lassen. Aber wie wäre folgender Vorschlag: Man schaltet in alle 25 Länder, die am Finale teilnehmen und lässt diese die Punkte vortragen. Meinetwegen auch nur die acht, zehn und zwölf Punkte und alles darunter gesammelt wie gehabt. Von den übrigen Ländern kann es dann eine Zusammenfassung wie beim Publikum geben. 

Wichtig aber vorweg: Einfach mal was Neues wagen. Nicht immer auf Altvertrautes setzen, das hat in der Vergangenheit nämlich mehrfach nicht geklappt. Zur Erinnerung: 1998 schickte man Guildo Horn mit "Guildo hat euch lieb" nach Birmingham. Da saß das Publikum noch brav in Sitzreihen und klatschte artig zum Takt. Und was macht der langhaarige Deutsche? Der streift erst seinen Samt-Umhang ab, zieht sich dann noch das Jacket aus und verlässt die Bühne. Er spielt mit dem Publikum, springt dann auf die Bühne zurück für ein kurzes Intermezzo mit Kuhglocken und dann das Grand Final: Er erklimmt eine geschätzt 1,5m hohe Plattform, rutscht auf deren Geländer und stellt sich dann mit seinen Plateau-Schuhen auf die Reeling, während er sich an einer Stange festhält. Das war A) so sicher nicht geplant und daher furchtbar authentisch und B) 1998 geradezu anarchisch. Dafür gab es insgesamt 86 Punkte, dreimal sogar 12 Punkte (Niederlande, Schweiz, Spanien) und in Summe Platz 7.

Wahnsinn ist, wenn man immer wieder das Gleiche tut und dabei andere Ergebnisse erwartet. Vielleicht wird es ja nochmal irgendwann etwas mit einem deutschen ESC-Erfolg. Wunder soll es ja immer mal wieder geben...

Guildo Horn 1998 - Screenshot Youtube


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