Am vergangenen Sonntagabend gewann die Herren-Fußballnationalmannschaft ihr Auftaktspiel gegen den WM-Neuling Curaçao sehr deutlich mit 7:1. Und ich habe es direkt vor meinem geistigen Auge, wie "patriotische" Bürger_innen vor den Fernsehgeräten standen, ihnen beim Anblick der vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen ein innerer Reichsparteitag abging und sie voller Inbrunst die Hymne mitgesungen haben werden - viele vielleicht sogar mit der (nicht verbotenen, aber gesellschaftlich weitgehend abgelehnten) ersten Strophe. Ja, es ist ja kein Geheimnis, dass viele der braun-blauen Schlümpfe (AfD-ler) glauben, es ließe sich alles lösen, jedes Problem beseitigen, wenn wir nur ausreichend Deutschlandfahnen aufhängen, z.B. vor Schulen und die Nationalhymne singen lassen (z.B. in Schulen)... und natürlich massenhaft Migrant_innen abschieben. Die Wurzel allen Übels: Ausländer_innen! Die sind wirklich an allem Schuld:
- Du hast einen sicheren Job? Fragt sich wie lange noch...
- Du verdienst nicht schlecht? Ohne Ausländer könntest du garantiert 1.000 Euro mehr bekommen...
- Du hast ein Eigenheim? Ohne Migrant_innen könnte es doppelt so groß sein..
Ich sah neulich ein Video eines Content Creators bei Instagram (leider habe ich vergessen, es zu speichern). Er radelte gerade durch Sachsen (oder Sachsen-Anhalt?) und ist selbst dort aufgewachsen. Er fuhr mit seinem Fahrrad durch eine "gutbürgerliche Siedlung", die Hecken schön sauber geschnitten, die Autos gewaschen in der Einfahrt, sauberer, weißer Lattenzaun, der Buntspecht klopft eine Melodei... und im Vorgarten, wo der Mähroboter seine Arbeit verrichtet, flattert eine Kaiserreich-Flagge.
Das ist auch so ein Paradoxon... die AfD holt für alles Mögliche Deutschlandfahnen hervor - auf Parteitagen, auf Infoständen, bei Demos. Und das obwohl die Nationalsozialisten Schwarz-Rot-Gold hassten. Es war die Flagge der jungen Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, die man ja gestürzt hat. Alle, die mit der aktuellen verhassten Demokratie hadern, und viele, für die die BRD nur eine GmbH ist und wir alle nur "Personal" (deshalb ja auch "PERSONALausweis" 😖), finden sich irgendwo auch in der Kaiserreich-Flagge wieder. Woher kommt diese Schwärmerei?
Also um 1900 arbeitete der Durchschnitt rund zehn bis zwölf Stunden am Tag und 60 bis 72 Stunden pro Woche. Und bezahlter Urlaub existierte meist nicht. Heute sind 38-40 Stunden pro Woche Standard. Ein Industriearbeiter verdiente um das Jahr 1900 etwa 900-1.500 Mark - umgerechnet auf die heutige Kaufkraft enstpräche das in etwa 15.000-25.000 Euro. IM JAHR! Heutige Jahres-Einkommen liegen im Schnitt bei ca. 50.000 Euro. Im Kaiserreich lebten Arbeiterfamilien meist auf nur 30 bis 60m², mehrere Personen pro Zimmer, Warmwasser oder Zentralheizung Fehlanzeige, Gemeinschaftstoiletten mit den Nachbarn im Treppenhaus oder Hof. Lebenserwartung: Damals 40-50 Jahre, heute etwa 80 Jahre im Schnitt. Damals: Kein Frauenwahlrecht, Autos praktisch unerschinglich, Telefon selten, Fleisch wenn nur sonntags, Fernreisen waren Luxus...
Wenn Manfred also nach seiner 40h-Wochenschicht mit dem Zweitauto ins 150m²-Heim fährt, um den Grill anzuwerfen, um das Nackensteak für 2,95/kg auf dem 2.000€-Grill zu verbrennen und mit der Familie den nächsten Mallorca-Urlaub plant, verstehe ich das Schwärmen für's Kaiserreich nur bedingt. Was genau möchte man da wieder zurück?
Naja, jedenfalls wunderte sich besagter Radfahrer über dieses Statement. Warum hisst man im Vorgarten eine Flagge des damaligen deutschen Kaiserreichs, angesichts dessen, dass man ganz augenscheinlich alles andere als benachteiligt ist. Wie erwähnt: Eigenheim, zwei Autos in der Einfahrt, großer gepflegter Garten mit Trampolin. Es scheint, als ob dieser Staat dieser Familie so einiges ermöglicht hätte, mit all seinen Angeboten. However.
Kommen wir zurück zum Fußball: Ein glanzvolles Tor-Spektakel gab es gegen den Fußball-Zwerg, der weniger Einwohner_innen hat, als Paderborn. Und wer hat für den Tor-Reigen gesorgt? Felix Nmecha, Nico Schlotterbeck, Kai Havertz (2x), Jamal Musiala, Nathaniel Brown (lieferte auch noch einen Assist) und Deniz Undav. Hmmm, fällt dem/der geneigten Leser_in hier etwas auf? Vermutlich etwas, was dem einen oder anderen AfD-Wähler beim Zuschauen sauer aufgetoßen sein wird: Verdächtig viele auf den ersten Blick nicht "typisch deutsche" Namen. Kein "Thomas oder Gerd Müller", kein "Franz Beckenbauer", kein "Helmut Rahn".
![]() |
| Torschützen des 7:1-Erfolgs bei der WM 2026 gegen Curaçao - Fotos: DFB - Bild: Collage |
Felix Kalu Nmecha wurde als Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters in Hamburg geboren. 2007 wanderte die Familie nach England aus. Neben der deutschen besitzt er auch die britische Staatsbürgerschaft. Jamal Musiala wurde in Stuttgart als Sohn von Carolin Musiala und Daniel Richard geboren. Seine Mutter hat polnische Wurzeln, sein Vater stammt aus Nigeria. Nathaniel Brown, Sohn eines US-amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter, wurde im oberpfälzischen Amberg geboren. Deniz Undav wurde in Varel im niedersächsischen Landkreis Friesland geboren und wuchs in Achim auf. Seine Familie hat eine kurdisch-jesidische Familiengeschichte und stammt – zumindest väterlicherseits – aus der Nähe der Stadt Viranşehir in der Provinz Şanlıurfa im Südosten der Türkei, die Mutter hat einen syrischen Pass.
Stellen wir uns also einmal nur für einen Moment vor, die AfD hätte ihre Pläne bereits umgesetzt und bummelig 20-30% aller Einwohner_innen dieses Landes ausgewiesen - ich behaupte einfach mal, es hätte sicherlich weniger zum Jubeln gegeben - und das ist im ersten Moment auch nur auf Fußball bezogen. Wir erinnern uns: Niemand geringeres als Björn Höcke antwortete bei einem AfD-Stammtisch in Gera auf die Frage "was denn eigentlich mit den Millionen sei, ich nenne sie jetzt trotzdem noch Ausländer, die aber längst den deutschen Pass haben, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben?" wie folgt: "Wir werden auch ohne Probleme mit 20, 30 Prozent weniger Menschen in Deutschland leben können, das halte ich für ökologisch sogar sinnvoll tatsächlich.". Damit nannte er ziemlich genau den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland - 30,4 Prozent -, also auch die mit deutschem Pass. Mit Sicherheit würden darunter auch o.g. Torschützen bzw. ihre Familien fallen.
Jeder kennt die Videos auf Social Media, wo eine Belegschaft eines Krankenhauses, einer Universität, einer Polizei, was-auch-immer schön aufgereiht auf einer Treppe steht. Dann wird eingeblendet "Wir/Deutschland ohne Migration" und alle mit entsprechendem Hintergrund verlassen das Bild - zurück bleiben meist ein oder zwei "Helga's" oder "Dieter's".
Das Deutsche Wirtschaftswunder wäre ohne Gastarbeiter_innen niemals möglich gewesen!
Machen wir uns nichts vor: Ohne Einwanderung wäre Deutschland nicht dort, wo es aktuell steht, nämlich immer noch in sehr vielen Bereichen ganz vorne. Die Geschichte der Gastarbeiter_innen kurz nach dem zweiten Weltkrieg, über rund 50 Jahre hinweg, ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Während Alfred sich am Wirtschaftswunder wieder kugelrund gefressen und keinen Bock hatte, irgendwelche Mülltonnen zu leeren, hatte "Ali" aus Istanbul dies erledigt. Auch das Ackern unter Tage (Bergbau), in der Industrie bzw. verarbeitendem Gewerbe (Stahl-, Autowerke, Hoch-/Tief-/Straßenbau) oder in der Hotellerie und Gastronomie erledigten bevorzugt Kostas, Giovanni, Carmen und Danica.
Beschäftigte mit Einwanderungsgeschichte in vielen Mangelberufen überdurchschnittlich stark vertreten
Jede dritte Reinigungskraft hierzulande hat eine nicht-deutsche Staatsbürgerschaft. 60% der Schweiß- und Verbindungstechniker_innen haben eine Einwanderungsgeschichte. Ebenso jeweils 51% der Köchinnen und Köche sowie der Beschäftigen in der Lebensmittelherstellung. 46% der Bus- und Straßenbahnfahrer_innen, 46% in der Fleischverarbeitung, 45% der Servicekräfte in der Gastronomie und im Aus- und Trockenbau hatten 2023 rund 67% der Mitarbeiter_innen einen Migrationshintergund. Und wer hat nicht schon mal darüber geklagt, keinen (zeitnahen) Termin beim (Fach-)Arzt zu bekommen oder gar keine Praxis mehr im Dorf zu haben? Im Jahr 2024 arbeiteten hierzulande 121.000 aus dem Ausland zugewanderte Ärztinnen und Ärzte in der Human- und Zahnmedizin. Fast ein Viertel aller Ärztinnen und Ärzte haben ausländische Wurzeln. Und immer wieder ist auch zu hören, dass gerade diejenigen, die 2015 nach Deutschland geflüchtet sind, sich nicht in den Arbeitsmarkt integrieren würden... Fun-Fact: Mit 76% ist die Erwerbsquote dieser Männer sogar 4% höher, als die Erwerbsquote bei deutschen Männern!
Ja, Migration bedeutet (anfangs) höhere Kosten (besser: Investitionen), aber eben auch irgendwann Ersparnisse und sogar Einnahmen (Steuern) für den Staat. Jede Person, die nach Deutschland kommt, entlastet den Staatshaushalt um 7.100 Euro im Jahr. Ausländische Beschäftigte steuern über 700 Milliarden jährlich zum BIP bei. Manche werden nicht müde, das Gegenteil zu behaupten, aber eine Lüge wird durch ständige Wiederholung nicht "wahrer".
Wir machen es nochmal ganz einfach - pure Mathematik: Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert dramatisch. Grund: Die Geburtenrate liegt seit Jahrzehnten bei etwa 1,35 Kindern pro Frau und ist damit zu niedrig, um die Bevölkerung (ohne Zuwanderung) konstant zu halten. Anders ausgedrückt (noch einfacher): Wenn zwei Menschen (im Schnitt) 1,35 Nachfahren hinterlassen (also die zwei sterben ja irgendwann einmal), dann schrumpt die Gesellschaft - das ist ganz simple Mathematik. Auf's Anschauliche heruntergebrochen: 20 Personen haben 13,5 Nachkommen, die wiederum 9,45, die dann noch 6,75 und diese schlussendlich noch 40,5. Würden zwei Menschen auch stets zwei Nachkommen zeugen, bliebe die Zahl konstant. Würden sie mehr als zwei Kinder in die Welt setzen, steigt die Bevölkerungszahl.
![]() |
| Bei weniger als zwei Nachkommen pro Paar, schrumpft die Gesellschaft - Schaubild: Eigenbau |
Und wer das immer noch nicht nachvollziehen kann, weil er ein aufgeweichtes Brötchen im Kopf hat. Gegen-/Praxisbeispiel: China hatte zwischen 1979 und 2016 die "ein-Kind-Politik" ins Leben gerufen, um das rasante Bevölkerungswachstum zu bremsen. Seit 2021 dürfen Ehepaare dann wieder bis zu drei Kinder haben. Die jahrzehntelange Geburtenkontrolle hat jedoch tiefe Spuren in der chinesischen Gesellschaft hinterlassen.
- Überalterung: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt, während der Anteil der älteren Bevölkerung stark zunimmt.
- Bevölkerungsrückgang: Chinas Einwohnerzahl schrumpft, da der erhoffte "Babyboom" nach der Abschaffung der Beschränkungen ausblieb. Hohe Lebenshaltungs- und Bildungskosten sowie der Wandel der Lebensentwürfe führen dazu, dass viele Paare weiterhin nur ein oder gar kein Kind möchten.
- Wirtschaftlicher Druck: Der schrumpfende Arbeitsmarkt stellte das bisherige Wirtschaftsmodell vor große Herausforderungen.
Das alles hat natürlich auch Folgen für die Sozialsysteme. Daher ist der Ansatz "Die saugen alle unsere Sozialkassen leer" ein grundfalscher. Wir brauchen jedes Jahr eine Zuwanderung von 400.000 Menschen, um den Renteneintritt der Boomer und den fehlenden Nachwuchs auszugleichen. Die AfD hatte 2017 ein Plakatmotiv mit dem Titel "Neue Deutsche? Machen wir selber!" und hatte dazu eine (natürlich) blonde, schwangere Frau auf dem Bild. Nur an den Anreizen, mehr als die 1,35 Kinder in die Welt zu setzen, scheint es wohl noch immer zu hapern. Ein Wunder bei nicht ausreichender Kinderbetreuung, marodem Bildungssystem, extremer Chancenungleichheit.
Wir haben doch in der Vergangenheit schon den einen oder anderen Fehler gemacht. Man muss doch nicht allen Ernstes sagen "Ach komm, wir probieren das einfach nochmal!". Wie der spanische Philosoph George Santayana es seinerzeit ausdrückte: "Wer sich der Vergangenheit nicht erinnert, ist verdammt, sie zu wiederholen.".
![]() |
| Bild: beruhmte-zitate.de |
Ich habe es schonmal gesagt und ich sage es wieder: Migration ist NICHT das/unser Problem! Durch das Ersetzen einer Regenbogen- gegen eine Deutschlandfahne sinken weder die Energie- noch die Lebensmittelpreise. Durch das Singen der Nationalhymne in den Schulen, wird die dortige sanierungsfällige Toilette kein Stück annehmbarer. Durch das Abschieben eines Menschen, fährt der Bus auf dem Land nicht häufiger und der Termin beim (Fach-)Arzt kommt auch nicht früher (eher im Gegenteil).
Wir sollten nicht nach links und rechts blicken oder gar nach unten treten, sondern nach oben. Kleiner Reminder: Die Welt hat seit kurzem ihren ersten Billionär - Elon Musk. Na Glückwunsch! Gleichzeitg hat die Welt aber auch 673 Mio. hungernde Menschen (etwa 8,2% der Weltbevölkerung). Und (besonders pervers) dieser Billionär ist mitverantwortlich an den Kürzungen von Hilfen für die Ärmsten: Die von Musk geleitete Behörde DOGE zerschlug 2025 die US-Entwicklungsbehörde USAID, bis dahin der größte einzelne Geldgeber hunmanitärer Hilfe weltweit.
Um den Reichtum einmal greifbarer zu machen: Eine Billion. Eine Eins mit zwölf Nullen klingt erst einmal nicht so spektakulär... 1.000.000.000.000 - wir alle kennen diese Veranschaulichungen mit den Reisschüsseln bzw. -bergen. Aber noch plakativer:
- Setzen wir das Vermögen als Erstes ins Verhältnis zur Weltbevölkerung. Ein Mensch alleine besitzt mit dieser einen Billion so viel wie die ärmeren 46% der Weltbevölkerung... das sind 3.800.000.000 Menschen - 3,8 Milliarden Menschen!
- Zweite Möglichkeit: Sagen wir 50.000 Euro entsprächen einem Zentimeter, dann wären rund 99% aller Deutschen auf einem DIN-A4-Blatt vertreten. Die reichsten Deutschen wären zehn bis zwanzig Kilometer ÜBER diesem Papier, Elon Musk ist 200 Kilometer darüber. Wenn man das um 90 Grad drehen würde, wäre das in etwa die Luftlinie Berlin nach Schwerin. Wer also in Berlin nur einen Fuß vor den anderen setzt, ist bereits bei weit mehr, als was der deutsche Durchschnitt besitzt - und für das Vermögen von Elon Musk müsste man vom Brandenburger Tor bis nach Schwerin spazieren. Dafür benötigt man übrigens lediglich rund 46 Stunden.
- Drittes Beispiel: Die Dimension Zeit. Eine Million Sekunden sind zwölf Tage. Wer also bei Jauch die Million gewinnen würde, könnte beinahe zwei Wochen lang jede Sekunde einen Euro flippen - Tag und Nacht, ohne Schlaf. Klingt viel? Viele haben nicht nur eine Million, sondern viele oder sind sogar Milliardär. Eine Milliarde Sekunden sind rund 32 Jahre. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied. Aber eine Billion Sekunden ist nochmals mit 1.000 multipliziert - das sind dann nicht weniger als 31.710 Jahre! Zur Verdeutlichung: Vor 32.000 Jahren befand sich die Erde in der letzten Eiszeit. Zu dieser Zeit teilten sich die letzten Neandertaler den europäischen Kontinent mit dem modernen Homo sapiens.
(Multi-)Millionäre sollten nicht existieren. Billionäre erst recht nicht.
Inhaltliche Fehler entdeckt? Fehlende Verlinkung? Rechtschreibfehler gefunden?
Bitte Kommentar hinterlassen oder E-Mail schreiben an: Sarzyniro@outlook.de



Kommentare
Kommentar veröffentlichen