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Fußball ist eigentlich ganz schön ehrenlos...

Wenn man so wie jetzt zur WM, sehr viel Fußball schauen kann - also mehr als üblich, praktisch täglich, teils mehrere Spiele - dann kommt man ins Nachdenken. Das ist wie wenn man ein bestimmtes Wort immer wieder und wieder sagt, dann klingt es auch irgendwann komisch oder macht sogar keinen Sinn mehr. Und nun sitze ich hier fast allabendlich und schaue mir Begegnungen wie Kanada gegen Südafrika oder Kap Verde gegen Saudi Arabien an und hinterfrage dieses Spiel immer mehr. Wer hat sich all diese Regeln, die ja auch in der Vergangenheit immer wieder angepasst worden sind, ausgedacht und nie gesagt "geht das nicht besser"?

Karikatur: Oliver Ottitsch

Also nur drei Beispiele: Die Rückpass-Regel - früher konnte ein Spieler den Ball zum eigenen Torwart zurückgeben und der konnte den Ball noch mit der Hand aufnehmen. Darfst du heute nicht mehr. Grund: Das Spiel sollte flüssiger werden. Okay. Oder Einwechslungen: Früher nur auf zwei beschränkt und eher für den Notfall, also bei Verletzungen o.ä. vorgesehen. Heute fester Taktikwechsel-Bestandteil mit fünf Optionen pro Spiel. Und: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien hatte die deutsche und österreichische Nationalmannschaft am 25. Juni 1982 in Gijón ihr letztes Gruppenspiel. Berüchtigt wurde die Partie, da die frühe deutsche Führung beiden Mannschaften das Weiterkommen in die nächste Runde ermöglichte und das Spiel entsprechend ohne ernsthafte Angriffsbemühungen zu Ende geführt wurde. Ausscheiden musste trotz ebenfalls zweier Siege die Mannschaft Algeriens, deren letztes Vorrundenspiel bereits tags zuvor stattgefunden hatte und dessen Endergebnis beiden Mannschaften folglich bekannt war. Als Konsequenz dieser Leistungsverweigerung werden seither die beiden letzten Vorrundenspiele einer Gruppe in großen Turnieren zeitgleich ausgetragen.

Karikatur: Uli Stein

Beispiel aus dem Spiel Deutschland vs. Ecuador: Es war eindeutig hohes Bein von Pavlovic und er streift den Gegner hauchzart am Kopf. Was macht die Nr. 15 von Ecuador? Fällt dramatisch zu Boden. Habt ihr jemals "Slap Fighting" gesehen? Da stehen sich zwei Menschen gegenüber (ja, das wird auch von Frauen praktiziert), ähnlich in Gewichtsklassen wie beim Boxen oder so, und die hauen sich volles Pfund mit der flachen Hand in die Fresse. Also die klassische Backpfeife. Die stehen dann aber noch (also die meisten und wollen sich ja revanchieren) - und hier "Aarrgh, er hat mich mit dem Schnürsenkel seines Schuhs an der Wimper getroffen... AUA-AUA-AUA!". Also nochmal, nicht missverstehen: Als Angreifer hat dein Bein/der Fuß in der Höhe nichts zu suchen. Der VAR hätte eingreifen und sagen müssen: Kein Tor! Aber diese übertriebene Dramatik - unnötig.

Später im Spiel auch gut zu sehen: Angriff Ecuador, ein Stürmer dringt in den deutschen Strafraum ein, ein deutscher Abwehrspieler kommt, versucht den Ball zu erobern, das gelingt auch, der Stürmer realisiert, dass er wohl keinen Abschluss hinbekommen wird, was macht er? Er wirft sich zu Boden, in der Hoffnung, dadurch vielleicht doch mit etwas Glück einen Straf- oder Freistoß zu erlangen. Sie wollen immer einen Elfmeter erzwingen... spielt doch einfach weiter, versuch normal ein Tor zu schießen! Habt ihr euch mal Rugby angeschaut? Die Spieler_innen werden teils umgeworfen, zu Boden gerissen und rennen dennoch weiter.

Bei der späteren Szene (47. Spielminute) , wo ein Elfmeter wieder einkassiert wurde, weil diesem ein Foul vorausging: Der deutsche Spieler hat den Gegner leicht am Bein berührt. Zur Erinnerung: DIE TRAGEN SCHIENBEINSCHONER! Aber der Spieler von Ecuador rennt noch ein zwei Schritte weiter, um dann zu realisieren "Mist, den Ball bekomme ich nicht mehr - ich schmeiß mich hin, vielleicht bekomme ich ja den Freistoß.". Und so kam es. Nochmal Vergleich zum Rugby: Da werden Mitspieler_innen komplett aus dem Weg geräumt! 

Und bevor wir konkret zu den Verbesserungsvorschlägen kommen, ich verzichte heute einmal darauf, bei den Bezeichnungen zu gendern, da ich das Gefühl habe, dass es im Frauen-Fußball ein My besser zugeht, als bei den Männern. Die Verbesserungsvorsachläge gelten aber natürlich für das Spiel an sich. Gehen wir das mal der Reihe nach durch...

Karikatur: Uli Stein

1. DER SCHIEDSRICHTER: Er muss alle Entscheidungen selbst treffen, obwohl das die Technologie mittlerweile viel besser kann. Der Video-Schiedsrichter (VAR) ist da, muss sich aber aktiv melden, Schiri muss dann rausgehen, guckt sich das Ganze auf dem Bildschirm an und muss dann alleinig entscheiden. Das kostet Zeit, Spielfluss und Nerven. Vorschlag: Abseits, Foul, Elfmeter, Schwalbe - ALLES wird "digital" geprüft, der Schiri bekommt die Meldung auf's Ohr, Schluss, Aus, keine Debatte. Er sorgt praktisch nur noch für die Durchführung und hält die Ordnung auf dem Spielfeld aufrecht. Entscheidungen trifft eine andere Instanz, am Bildschirm.

2. SPIELZEIT: Von 90 Minuten (also 2x 45) rollt der Ball effektiv vielleicht nur eine Stunde - das gilt mittlerweile als erwiesen. Einwurf, Eckball, Elfmeter... die Zeit läuft einfach weiter. Warum? In kaum einer anderen Sportart ist das so: Basketball, Handball, American Football, Eishockey... überall wird die Uhr angehalten. Beim Fußball: Der Einwurf wird zum Theaterstück, der Freistoß zur Medidation, der Abstoß zu einer Choreografie. Ja, es gibt auch hier jüngst erst die Änderung, dass der Schiri die Hand hebt und Zeitspiel anzeigen muss, dann fünf Sekunden herunterzählt... überflüssig in meinen Augen. Verbesserung: Ein Spiel dauert genau 60 Minuten und die Uhr stoppt jedes Mal, wenn der Ball nicht im Spiel ist. Und nach 60 Minuten läuft die Uhr genauso ab, wie in den anderen zuvor genannten Sportarten auch. Nichts desto trotz kann man natürlich Zeitspiel (also unnötige Verzögerungen) dennoch ahnden. 

3. FOULS & KARTEN: Status quo ist, der eine foult fünf Mal und nichts passiert, der andere zwei Mal und bekommt Gelb. Alles eine Interpretationssache des Schiris. Da wird frei nach Gefühl entschieden. Vorschlag: Karten abschaffen! Und dann können wir uns gerne über zwei Varianten unterhalten - Variante A: Ein Foul ist ein Foul, egal wo auf dem Feld, und der Gefoulte bekommt einen Elfmeter. Fertig. Variante B: Strafminuten. Wer ein Foul begeht, muss zwei oder drei Minuten raus. Funktioniert beim Handball oder Eishockey bestens. Ich persönlich wäre für Variante B, denn...

4. SCHWALBEN: Das absolut Ehrenloseste, was es gibt. Auch hier zwei Möglichkeiten, um diese zu unterbinden. Variante A: Wenn eine Schwalbe (vom VAR) bestätigt wird, bekommt der Gegner sofort Elfmeter - ganz egal, wo sie auf dem Platz passiert ist. Variante B: Auch hier: Drei Minuten Pause/Strafbank. Dann wollen wir mal sehen, ob sich noch jemand traut, grundlos auf dem Rasen herumzurollen. Mal im Ernst: Da sind diese teilweise vollkörper-Tätowierten, die sich stundenlang an empfindlichsten Stellen mit einer Nadel Tinte unter die Haut stechen lassen, aber dann rutschen sie einmal auf dem Spielfeld auf nem Eiswürfel aus und haben Schmerzen, das kannst du dir net vorstellen!

Verwechslungsgefahr: Schwalbe in der Fauna, im Fußball und in Ostdeutschland - Bild: Collage

5. VERLETZUNGEN DURCH FOULS: Wenn ein schweres Foul passiert, bekommt der Verursacher vermutlich eine gelbe Karte (mindestens), darf aber weiterspielen. Der Gefoulte muss aber unter Umständen das Spiel (vorzeitig) beenden, weil die Verletzung durch ein hartes Einsteigen o.ä. schwerwiegender ist, mindestens aber minutenlang am Spielfeldrand behandelt werden, während seine Mannschaft in Unterzahl spielen muss. Das ist ungleich behandelt. Daher Vorschlag: Derjenige, der das Foul begangen hat, bleibt genauso lange draußen, wie der Gefoulte behandelt werden muss - drei, sieben, 15 Minuten, ganz egal. Muss der Gefoulte drei Monate aussetzen, weil das Kreuzband gerissen ist o.ä., darf auch derjenige, der das Foul begangen hat, drei Monate nicht spielen, Sperre fertig. Dadurch lässt sich streng genommen auch die eigene Karriere beenden, wenn du einen Mitspieler so unglücklich triffst, dass es was Ernsteres ist, was dazu führen sollte, dass alle mit Respekt und Vorsicht in die Zweikämpfe gehen.

6. ELFMETER & FOULPOSITION: Wenn ein Foul am Außenrand des 16m-Raums passiert, also wirklich gerade mal eben die Linie überschritten, bekommt die gegnerische Mannschaft einen Elfmeter, also im Grunde auch noch fünf Meter Raumgewinn geschenkt - warum? Das macht man beim Freistoß auch nicht - da wird exakt von dort geschossen, wo das Foul passiert ist. Rasierschaum auf'n Rasen, fertig (hat man auch irgendwann mit angefangen, weil die Mannschaft, welche den Freistoß ausführte, gerne mal den Ball noch ein paar Meter weiter vorrollte). Hat man aber einmal den magischen Bereich (16er) erlangt, ist das so, als ob man der verteidigenden Mannschaft sagt "Pass hier mal bloß auf, sonst...!". Vorschlag/Variante A: Das ist schon ein wenig krass, aber egal wo gefoult wird im Spielfeld, gibt es "Elfmeter" (s. Punkt 3). Einsteigen am Mittelkreis? Komm' wir gehen zum Elfmeterpunkt! Der 16er ist dann nur noch ein Bereich, in dem der Torwart den Ball in die Hand nehmen darf. Variante B (es gibt wieder Strafminuten beim Foul): Man muss von dort schießen, wo das Foul passiert ist, also kein "Elf"-Meter mehr sondern "Strafstoß".

7. UNENTSCHIEDEN/VERLÄNGERUNG: Diese Verlängerungen gehen mir gehörig auf den Keks. In entsprechenden Spielen, die einen Sieger erfordern (K.O.-Phase beim Turnier, Endspiele, etc.), hören eigentlich alle ab der 75. Minute auf, noch irgendwie groß was zu riskieren. Besonders bei zwei ebenbürtigen Mannschaften weiß man, dass dies schnell eine vorzeitige Entscheidung in letzter Sekunde ("lucky punch") bedeuten kann. Außerdem braucht man ja auch noch etwas Luft für die folgenden 30 Minuten - da wird also der ein oder andere sicherlich ein wenig haushalten mit den Kräften. In der Verlängerung selbst passiert meist auch nicht viel, außer dass alle mit Krämpfen auf dem Spielfeld liegen und die Beine gestreckt bekommen müssen. Wenn wir ehrlich sind: Keine will die Verlängerung - die Spieler nicht, die Zuschauer nicht. Vorschlag: 60 Minuten effektive Spielzeit (s. Punkt 2) und danach sofort Elfmeterschießen. Und bevor man sich dann in diese "Lotterie" begibt, wird man sicher in den vorangegangenen 60 Minuten wirklich alles versuchen, um das Spiel dort zu entscheiden. Das Elfmeterschießen wird auch erst seit 1976 weltweit praktiziert, davor wurden Spiele bei Unentschieden einfach wiederholt oder gar mittels Münzwurf entschieden.

Ich meine: Man hatte das mal angefasst und das "Golden Goal" eingeführt, um die Verlängerung spannender zu machen. Der Effekt war aber genau gegenteilig: Ein Tor in der Verlängerung beendete die Partie sofort. Das erste Golden Goal der Herren (also nicht Junioren) schoss Oliver Bierhoff am 30. Juni 1996 im Endspiel der Fußball-Europameisterschaft 1996 gegen Tschechien - Deutschland wurde damit zum dritten Mal Europameister. Weil normal aber beide Mannschaften größeren Wert darauf legten, kein Tor zu kassieren, als eines zu erzielen (das Spiel wurde also deutlich defensiver), wurde die Regel 2002 bereits von der UEFA für innereuropäische Wettbewerbe in eine sogenannte "Silver-Goal-Regel" geändert: Steht ein Spiel in einer K.-o.-Runde nach 90 Minuten immer noch unentschieden, gibt es zunächst eine 15-minütige Verlängerung. Die Mannschaft, die am Ende dieser Zusatzzeit führt, ist Sieger. Bei Gleichstand wird noch eine zweite Verlängerung von 15 Minuten gespielt. Hier hat also etwas nicht so funktioniert, wie man sich das wünschte, also wurde es wieder abgeschafft.

All die Punkte von eins bis sieben könnten (!) vielleicht dazu beitragen, dass Fußball flüssiger, ehrlicher, fairer wird. Wenn man es denn mal versuchen möchte. 

Karikatur: Uli Stein

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