In den vergangenen Wochen kam ich, mehr oder minder unfreiwillig, in den "Genuss" eine Sendung zu verfolgen (zu müssen), bei welcher ich - hätte ich alleine vor dem Gerät gesessen - mit hoher Wahrscheinlichkeit weggezappt hätte (ähnlich erging es mir schon einmal mit den "Geissens"): "Ninja Warrior Germany – Die stärkste Show Deutschlands". Das ist eine von RTL Studios GmbH produzierte und von RTL seit 2016 gesendete Spielshow, in der Kandidaten verschiedene Parcours überwinden müssen, um es einmal sehr reduziert wiederzugeben. Doch das ganze Ding ist (für mich) so voller Fragezeichen...
Und kurz vorweg, um das klarzustellen: Ich habe vollen Respekt für alle Frauen und Männer (und einen Kids-Ableger gibt es ja auch noch), welche dort antreten und eine wirklich starke Leistung erbringen. Mit Sicherheit vergleichbar mit manchen Spitzensportler_innen, welche olympisches Gold oder Weltmeistertitel, gleich welcher Disziplin, holen. Überhaupt kein Thema, keine Frage, will ich nicht in Abrede stellen. Aber was RTL daraus macht... naja, am Ende ist es halt eine Unterhaltungsshow.

"Griffkraft", "Griffkraft", Griffkraft"... und oberkörperfrei! - Quelle: © Markus Hertrich/RTL
Fangen wir mal ganz langsam an - zunächst mit dem Begriff "Ninja". Ein Ninja (japanisch 忍者 [ˈnɪnja], deutsch ‚Verborgener‘) oder auch Shinobi (japanisch しのび [ɕino̞bʲi], deutsch ‚Verbergen‘) ist lt. Wikipedia ein besonders ausgebildeter Kämpfer. Also kurz am Rande: Das Ego eines manchen Teilnehmers ist alles andere als "verborgen", aber das ist ein anderes Thema. Der geschichtliche Ursprung der Ninja findet sich im vorindustriellen Japan. Sie wurden als Kundschafter, Spione, Saboteure, Brandstifter oder Meuchelmörder eingesetzt, so weiß die Online-Enzyklopädie. Die Anfänge der Ninja sind nicht klar zu bestimmen. Auch die Erforschung der historischen „Kunst der Spionage“, ihre Entstehung und ihre Funktion im Lauf der Geschichte fällt schwer, da Geheimhaltung das wichtigste Merkmal spionagedienstlicher Tätigkeit war und ist.
Der Begriff Ninjutsu oder auch Shinobi-no-jutsu entstand möglicherweise während der Herrschaft Shōtokus, wobei es sich bei der ursprünglichen Form des Ninjutsu lediglich um reines Kundschafterwesen gehandelt haben dürfte. Erst in der Heian-Periode (794–1192) begann sich das Ninjutsu als Teil der Kriegsstrategien der Bushi immer stärker zu spezialisieren. Ninjutsu selbst ist ein Begriff für die Künste oder die Techniken, die von Ninja verwendet wurden. Eigentlich bezieht es sich nicht auf Kampftechniken, sondern in erster Linie auf Methoden der Tarnung und Aufklärung. Für Ninja gab es ein grundlegendes Pensum, das sie auf jeden Fall erlernen mussten. Das waren die acht Fächer der Ninja (Ninja Hachimon). Das "Happō Hiken" ("Happō" für die acht Methoden und "Hiken jutsu" für die geheimen Schwerttechniken) des Shinobi bestand aus:
- Taijutsu, Hichō-jutsu, Nawa-nage (Körperbeherrschung, Kontrollieren des Angriffs, Seilwerfen)
- Karate Koppō Taijutsu, Jūtaijutsu (unbewaffnete Schlagtechniken, Hebel- und Wurftechniken)
- Sō-jutsu, Naginata-jutsu (Speer und japanische Hellebarde)
- Bō-jutsu, Jō-jutsu, Hanbō-jutsu (Stab- und Stock-Techniken)
- Senban-nage, Ken-nage-jutsu, Shuriken (Werfen verschiedener Klingenwaffen)
- Ka-jutsu, Sui-jutsu (Verwendung von Feuer und Wasser)
- Chikujō Gunryaku Hyōhō (Festungsbau und Strategie)
- Onshin-jutsu (Verstecken und Tarnen)
Heute wird unter der Bezeichnung Ninjutsu neben der historischen Spionagekunst auch die moderne Kampfkunst verstanden. Soweit die Historie. Was das alles oben Aufgezählte mit "Ninja Warrior" zu tun hat?

Hier wird nichts versteckt: René Casselly - Quelle: © Markus Hertrich/RTL
In der Moderne, sprich im Fernsehen hat das Ganze nichts mehr mit Krieg, Waffen und Co. zu tun, ja nicht mal mit "verstecken und/oder tarnen". Vorbild für besagte Show beim "ÄRTEEL" ist die in Japan unter dem Namen "Sasuke" ausgestrahlte Show, die international den Titel "Ninja Warrior" trägt. Warum heißt nun eine Show aus Japan, außerhalb "Ninja Warrior" und im Mutterland "Sasuke"? "Sasuke" bezieht sich auf "Sasuke Uchiha", eine Hauptfigur aus dem beliebten japanischen Anime und Manga "Naruto". Der Charakter Sasuke Uchiha ist darin als talentierter, aber oft düsterer Ninja-Rivale von Naruto bekannt. So viel dazu...
In jeder Show haben Kandidaten Hindernis-Parcours in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren. Die Parcours sind in jeder Show verschieden gestaltet, enthalten jedoch vergleichbare und teils identische Elemente, die oft auch in (kommerziellen) Ninja-Hallen hängen, wo die Community trainieren kann (manche bauen sich die Parcours auch im heimischen Garten nach). Was sich mir noch nicht erschlossen hat, ist, dass die Kandidat_innen wohl keine Gelegenheit bekommen, den Parcours vorab zu tranieren, sie können ihn wohl lediglich anschauen. Auch bekommen sie nicht mit, was die Kandidat_innen vor ihnen für eine Leistung abliefern, um nicht taktieren zu können und somit einen Vorteil zu haben.
Die Kandidaten benötigen vor allem die sportlichen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer und Körperbeherrschung. Der Modus unterscheidet sich von Staffel zu Staffel geringfügig. Eine Staffel besteht aus den Vorrunden, den Halbfinals (ab Staffel 2) und dem Finale. Zunächst treten in den Vorrunden gecastete Teilnehmer an - nicht gegeneinander, sondern immer "gegen den Parcours". Die Kandidaten, die dabei in einem Parcours am weitesten kommen, ziehen in die nächste Runde ein - es ist ein klein wenig wie bei "Takeshi's Castle", ebenfalls eine japanische, aber sehr skurrile Spielshow. Die Anzahl der Kandidaten, die weiterkommen, ist bei "Ninja Warrior" jedoch vorher festgelegt. Seit Staffel 2 folgen auf den Vorrunden zwei Halbfinals. Eine Besonderheit der Halbfinals ist, dass die Teilnehmer halbfinalübergreifend konkurrieren, während eine Vorrunde jedoch in sich abgeschlossen ist.
Wem das jetzt noch nicht verwirrend genug ist: Es gab in der jüngst abgeschlossenen Staffel sieben Vorrunden-Shows, darauf folgte eine "Der direkte Weg ins Finale"-Show, dann nochmal zwei Halbfinals. An der Stelle denkt man sich ja noch, so weit so vertraut... kennt man von anderen Sportarten, wie Fußball, Handball, usw. mit dem klassischen Turnierbaum. Auch ein "direkter Weg ins Finale" kennt man ansatzweise z.B. von DSDS mit der "goldenen CD", womit man eine Runde überspringen kann (ist halt mehr Show und weniger "Sport"). Doch dann war wieder so ein Freitagabend und es wird vom Finale gesprochen - erwartungsgemäß (ich dachte mir "Na Hallelujah, ham wir's endlich geschafft!"). Doch dann plaudern die Moderatoren vom "ersten Finale".. BITTE WAS? Jaha! Das Finale unterscheidet sich im Modus von den bisherigen Runden, da es der japanischen Original-Show "Sasuke" entspricht: Das Finale besteht aus insgesamt vier Runden, den sogenannten "Stages" - also wenn man so will, das "Pre-Finale", das "Finale", das "wirklich-Finale" und ein "jetzt aber echt-Finale". Ich wette, wenn man in dem Status der Show naturgemäß nicht so wenige Teilnehmer hätte, RTL würde für jedes "Finale" auch einen eigenen, jeweils zweistündigen Showabend kreieren!
Kandidaten ziehen nur in die nächste Runde/Stage ein, wenn sie den jeweiligen Hindernis-Parcours komplett absolvieren, also fehlerfrei und teils in vorgegebener Zeit. Nicht wie beim Hindernis-Reiten, wo du für ne heruntergrissene Stange drei Strafsekunden bekommst oder so. Nein, fehlerfrei! Einmal nicht aufgepasst, ZACK, vorbei! Eine Vorgabe, wie viele Kandidaten weiterkommen, gibt es nicht. So kann es dazu kommen, dass kein einziger Kandidat die nächste Runde erreicht. Die Runden 1, 2 und 4 haben wie erwähnt zudem eine vorgegebene Zeit, in der der Parcours absolviert werden muss (Runde 3 hat lediglich für die Pausen zwischen den Hindernissen eine vorgegebene Zeit - man kann dort also nicht ewig verharren und sich erst mal ne Pizza liefern lassen, wenn einen zudem der kleine Hunger überkommt). Die Kandidaten in Runde 4 (also dem "jetzt aber echt-Finale") müssen dort den finalen Parcours, den "Mount Midoriyama" bezwingen. Wer also im "Finale" alle (drei) Hindernisse (Stages) absolviert und am Ende als schnellster den "Mount Midoriyama" bezwingt, erhält den Titel "Ninja Warrior Germany" und 300.000 Euro Preisgeld.

Der "heilige Gral": Mount Midoriyama - oft versucht, selten bezwungen - Quelle/© Markus Hertrich/RTL
Was ist denn nun wieder der "Mount Midoriyama", wird sich manch eine/r fragen? Ein extrem hoher und schwerer Parcours, benannt nach einem japanischen Original, wobei "Midoriyama" in etwa lediglich "Grüner Berg" bedeutet und "Sasuke" auf dem Gelände der Midoriyama-Studios gedreht wird. Wer jetzt also irgendeinen monstergünen Stahlkoloss erwartet, wird enttäuscht. Er stellt den Höhepunkt und seine Bezwingung den Sieg der Show dar. Noch ein "need to know": Nur wer dieses finale Hindernis (in der vorgegebenen Zeit) bezwingt, darf sich überhaupt "Ninja Warrior (Germany)" nennen. Es ist also mitnichten so, wie beispielsweise bei DSDS (um bei dem Vergleich zu bleiben), wo am Ende wirklich jemand "Superstar" wird (zumindest für einen kurzen Zeitraum und danach wieder in der Versenkung verschwindet). In den zehn Staffeln "Ninja Warrior Germany" gelang erst EINMAL einem Teilnehmer dieses Kunststück: René Casselly, eigentlich ein Zirkus-Artist.
Kommen wir nun zum eigentlich (für mich) Absurden. Punkt 1: Für beinahe alle männlichen Teilnehmer ist eine oberkörperfreie Teilnahme im Grunde Pflicht. Ich möchte wetten - ohne es gezählt zu haben - dass bestimmt 3/4 der Teilnehmer lediglich eine Hose (und Schuhe) anhatten. Ansonsten prangte stets sehr viel (rasierte) Männerbrust in die Kameras. Nicht, dass sie es nicht könnten, aber ... warum? Was spricht denn bitte gegen ein T-Shirt? Punkt 2: Diese ganzen Parcours sind extrem Oberarm-lastig. Auch wieder - ohne es gezählt zu haben - bestimmt 80, wenn nicht gar 90% verbringen die Athlet_innen irgendwo hängend, hangelnd oder schwingend. Kein "Stacheldraht unterkriechen" wie bei "Full Metal Jacket" oder eine 4m hohe Wand überklettern wie in "Police Academy", auch kein lustiges "in Autoreifen-Gehopse" wie in unzähligen Boxfilmen... Es sind nur sehr, sehr wenige Elemente, über die mal balanciert werden muss, oder mittels Trampolin an eine Stange gesprungen wird oder wo meist am Ende des Parcours eine steile (Mega-)Wand hochgerannt oder ein Turm mithilfe von Armen und Füßen erklommen werden muss. Also rein theoretisch könnte auch jemand mit ohne Beine daran teilnehmen... theoretisch. In erster Linie brauchst du Arme, Arme und nochmals Arme.
Dann benutzen die Moderatoren ständig mit so putzigen Namen für die Hindernisse um sich, wie "Das Cargonetz mit Rad" oder "Der Klacker", Dinge an denen besonders viele scheitern, werden auch gerne mal "Das Biest" getauft oder werfen mit Begriffen wie "Last Man Standing" oder je nachdem "Last Woman Standing" um sich und der geneigte Gelegenheitszuschauer fragt sich "what the fuck?" und muss googeln. Erklärung: Konnte der "Ninja Warrior"-Titel nicht gewonnen werden, gibt es für den männlichen Kandidaten, der am weitesten gekommen ist, den Titel "Last Man Standing". Trotz des eigentlichen Wortsinns wird mit diesem Titel nicht der letzte im Wettbewerb verbliebene Kandidat geehrt, sondern der beste Kandidat einer Staffel, der also am weitesten gekommen ist. Seit Staffel 3 wird dieser Titel mit einer Prämie von 25.000 Euro belohnt. Immerhin schon seit Staffel 4 gibt es zudem für die beste weibliche Kandidatin einer Staffel den Titel "Last Woman Standing" (ebenfalls 25.000 Euro wert). Das ist (verspätete) Gleichberechtigung. Immerhin verdienen die Profi-Fußballerinnen heute immer noch ein Etliches weniger, als ihre männlichen Pendants. Anderes Thema.
Wie schon erwähnt, gibt es nicht die EINE Show, mit dem EINEN Finale, wo am Ende EIN Sieger (oder eine Siegerin) steht. Nein, die beiden Finalshows teilen sich in die vier erwähnten "Stages" auf. Leistest du dir nur einen kleinen Patzer im Parcours, war es das! Einmal nicht stark genug vom Trampolin abgesprungen und das "rettende Ufer" zwar gerade so erreicht, aber mit einer Zehenspitze im darunterliegenden Wasserbassin gelandet - AUSGESCHIEDEN! Einmal nicht richtig zugegriffen, Balance verloren, zu wenig Schwung geholt - AUS DER TRAUM! Die ganze Vorbereitung, alle Anstregung der Vorrunden - UMSONST! Jedenfalls schaffen es in dieser zehnten, der Jubiläumsstaffel sage und schreibe zwei Teilnehmer in die letzte Stage und einer komplettiert diese auch, indem er auf den Buzzer haut, der immer am Ende eines Parcours steht. Damit qualifiziert er sich alleinig für den "Mount Midoriyama", der schon seit Wochen glorifiziert wird. Nach unzähligen Werbepausen und nahezu drei Stunden Sendezeit kommt man dann (endlich) zum absoluten Highlight der Show. Der Kandidat wird nochmal gefragt, wie er sich jetzt vor dem großen letzten Schritt fühlt, eine Hand bereits dran an den 300.000 Euro, was er damit machen würde, bla-blubb... hätte hätte Fahrradkette.
Also nur mal zum Vergleich: Der/die Sieger/in von DSDS bekam in den ersten 14 Staffeln jeweils 500.000 Euro (und Plattenvertrag), wenn man sich erfolgreich in den Recall und Re-Recall und durch diverse Mottoshows geträllert, diverse Schmähungen eines gewissen Dieter B. ertragen hatte und das Publikum dir wohlgesonnen war. Das Geld ging am Ende definitiv raus.

Der Finalist erklimmt die "Himmelsleiter" - Quelle: © Markus Hertrich/RTL
Dann schreitet der letzte Kandidat bei "Ninja Warrior Germany" also unter frenetischem Jubel einiger Ausgewählter zum Turm, der aufgrund seiner Höhe in kein Studio passt und daher draußen aufgebaut ist, Feuerwerk wird versprüht - würde man den ganzen Zinnober bei Tageslicht veranstalten, wäre es nicht einmal halb so spektakulär. Er macht sich bereit - seine Aufgabe: Er muss an der "Himmelsleiter" mit einer Stange den Berg erklimmen, indem er diese in einer ruckartigen Bewegung nach oben, immer wieder in den Vorrichtungen einrastet, danach muss er noch ein Seil hochklettern und auf einen Buzzer hauen. Er startet, die Zeit läuft (35 Sekunden), die ersten Bewegungen sehen gut aus, im Sekundentakt rastet die Metallstange in den Lücken ein, drei, vier, fünf Mal. Doch gerade als der Kommentator noch sagt "Der Rhythmus ist gut!", beim achten "Klack" passiert ihm ein Missgeschick, er rutscht ab. Nach nicht einmal acht Sekunden ist das ganze Spektakel vorbei. Das beinahe dreimonatige "Vorspiel" verpufft in einem winzigen Augenblick (wie sagen die Österreicher - wer zu schnell kommt, is a "Spritzer"). Schade Schokolade. Das war die Jubiläumsstaffel, danke für's Einschalten! Ja nee, Danke für nix!
Übrigens: Wer sich tapfer durch die ersten zwei Dutzend Sender zappt, kommt irgendwann bei "Sport 1" vorbei und kann (zu späterer Stunde) dort "Exathlon Germany" bewundern. Zwei Teams aus je zehn Mitgliedern treten nicht nur in kräfte- und nervenzehrenden Spielen gegeneinander an, sondern leben auch rund und die Uhr zusammen. Monatelang. Das ist eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, "Ninja Warrior" auf Kindergeburtstag und "Big Brother", derweil die Kameraeinstellungen ständig aussehen, als würde man mit einer 360°-Cam aus zehn Metern Höhe zuschauen. Braucht niemand.
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