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Es ist doch alles gar nicht so schlimm... oder doch?

Starten wir mit etwas Sarkasmus: Aus Angst vor Wärmepumpen, veganem Essen und Gendern haben Menschen bei den letzten Wahlen großteils CDU und nicht minder viele AfD gewählt. Jetzt müssen sie länger arbeiten, mehr für Lebensmittel bezahlen und dürfen nicht mehr krank sein. Glück gehabt! 

Bei den vergangenen Landtagswahlen wurde deutlich, dass immer mehr Arbeiter_innen die AfD wählen. Viele "aus Protest". Komisch. Schon der seinerzeitige AfD-Chef Lucke hatte in der Finanzkrise sinngemäß gesagt, wir müssten die Löhne der Arbeiter senken, um aus der Krise zu kommen. Wusste das der/die Arbeiter_in? Nein, es stand ja schließlich nicht in der BILD-"Zeitung". Aber Scherz beiseite. Streng genommen, dürfte man die Mitglieder der AfD im Übrigen auch gar nicht "Nazis" nennen, denn das ist ja die Kurzform von "Nationalsozialisten". In der AfD sind aber alles andere als Sozialisten. Sie sind Kapitalisten, durch und durch. Und wenn man den Vergleich noch weiter spinnen will, ist die AfD streng genommen eine Mischung aus FDP und NPD - von beiden das Schlimmste. Nationalkapitalisten, wenn man so will. Die reden den Menschen seit gefühlten Ewigkeiten ein "Wir wollen die D-Mark wiederhaben, wir müssen raus aus dem Euro, her mit der starken D-Mark!". Vielleicht sollte irgendjemand den Kasperköpfen sagen, dass wir eine Export-Nation sind? Wir veranschaulichen das einmal an einem hoffentlich leicht verständlichen Beispiel: Die Schweiz ist nicht EU-Mitglied, hat keinen Euro, aber ein Problem... der Franken ist so stark, dass die Exporte leiden - die schweizer Wirtschaft stöhnt unter dem starken Franken. Vereinigtes Königreich praktisch dasselbe in Grün - aus der EU ausgetreten, eigene Währung, haufenweise Probleme. Aber wir sollen wieder eine "starke D-Mark" einführen? Naja, however.

Es bleibt wie es ist, in diesem Land haben gerne konservative Stimmen das Sagen (in den 76 Jahren der Bundesrepublik stellte die CDU für 52 Jahre den/die Kanzler/in). Das ist schade. Denn wenn wir mal so in die Vergangenheit reisen und uns vorstellen würden, wie man seinerzeit wohl mit diesen ganzen verrückten "linken Ideen" umgegangen wären... 

Grafik: Collage - Quellen: Pixabay

Anfang des 20. Jahrhunderts 

"Hast Du schon gehört? Da gibt es so ne linke Bewegung, die fordert den 8-Stunden-Tag! Pah, als ob Betriebe so funktionieren könnten!". Sowas aber auch. Im ausgehenden 19. Jahrhundert arbeitete man (also alle über 16 Jahren) noch minimum zehn Stunden pro Tag und das an sechs Tagen die Woche. Wenig früher gerne mal 14, 15, 16 Stunden täglich, ohne MIttagspause - das wäre der feuchte Traum von F. Merz. Acht Stunden arbeiten, völlig utopisch...

Wenig später: "Hast Du mitbekommen, was die Linken jetzt wollen? Die fordern einfach die 5-Tage-Woche! Die wollen einfach zwei ganze Tage in der Woche frei haben! Wie realitätsfern will man eigentlich sein?". 1930 schaffte es der US-amerikanische Industrieunternehmerverband nur um Haaresbreite, die Einführung der 30-Stunden-Woche zu verhindern. Die Gewerkschaft International Workers of the World (IWW) plädierte gar damals schon für einen vierstündigen Arbeitstag. Im selben Jahr (1930) prophezeite John Maynard Keynes, dass wir dank des technologischen Fortschritts in 100 Jahren, also 2030, nur noch drei Stunden pro Tag arbeiten müssten. Weiß ich nicht... aber es sind ja noch vier Jahre hin. Mal gucken was passiert.

Noch etwas später: "Ich kann kaum glauben, was diese linke Bewegung jetzt gefordert hat. Die wollen einfach bezahlten Urlaub! Irrsinn! Das wird niemals durchgesetzt!". Frei machen und trotzdem weiter Geld erhalten. Das geht nun wirklich nicht.

Nach dem 2. Weltkrieg 

"Hast du mitbekommen, was die linken Spinner jetzt durchgesetzt haben wollen? Volle Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die wollen für's Kranksein bezahlt werden! Das wäre ja noch schöner.". Das ist ja noch schlimmer als bezahlter Urlaub!

Sehr viel später: "Ich kann einfach nicht mehr... weißt du was die jetzt wollen? Mindestlohn! Die wollen einfach, dass die Betriebe alle pleite gehen.". Untergang des Abendlandes (da warten einige sicherlich noch drauf)... 

Lassen wir das kurz sacken... 

Fällt etwas auf? Das sind alles Dinge, die heute völlig normal für uns sind, absolut selbstverständlich. Jedes verdammte Arbeitnehmer_innen-Recht, was wir heute kennen, wurde erkämpft. Und zwar von Links! NIE-MAND würde heutzutage einen Arbeitsvertrag unterschreiben, der irgendwelche Bestandteile enthält, wie "48 Stunden Arbeitswoche", "15 Tage Jahresurlaub" oder "ab dem 3. Tag Krankheit kein Gehalt". Mal davon abgesehen, dass solche Bestimmungen gegen Gesetze verstoßen würden. Streng genommen würde sich nicht einmal jemand auf eine Stellen-Annonce bewerben, welche diese "Benefits" verspricht (selbst der "Obstkorb" ist ja mittlerweile schon eine "red flag").

Und jetzt hör' ich irgendsoeinen Herbert schon wieder jammern "Aber die Krankenversicherung beispielsweise wurde doch von Otto von Bismarck eingeführt? Das war sicher kein Linker!" - ja, und selbst Wikipedia spricht von ihm als "Begründer des Sozialstaates der Moderne". Aber die "Ehe für alle" beispielsweise wurde in der Amtszeit von Angela Merkel beschlossen, obwohl sie selbst dagegen gestimmt hat. Ist deshalb Angela Merkel die Mutter der "Ehe für alle"? Sicher nicht. Nur weil Bismarck seine Unterschrift unter die Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung gesetzt hat, bedeutet dies nicht, dass er das befürwortet hat - im Gegenteil. Er vertrat überwiegend konservative Positionen. Er wollte durch die Einführung einer Kranken- (1883), Unfall- (1884) und Rentenversicherung (1889) vielmehr verhindern, dass immer mehr Arbeiter (das Frauenwahlrecht kam ja erst 1919) die SPD wählen, denn diese war massiv im Aufwind. Bismarck wurde vielmehr durch Streiks, Aufstände und Demonstrationen dazu gedrängt. Notgedrungen billigte er dem arbeitenden Volk diese Maßnahmen, weil der Druck gewachsen ist, weil niemand mehr 16 Stunden in der Fabrik malochen wollte.

Was lernen wir daraus? Was heute auch noch oft als linke, realitätsferne und radikale Forderung gilt, ist morgen einfach nur die nächste logische (Weiter-)Entwicklung in der Geschichte. Stellen wir uns einfach mal für einen Moment vor, wie weit wir uns als Gesellschaft schon hätten entwickeln können, wenn nicht Konservative und rechte Kräfte immer wieder linke Forderungen zurückgehalten hätten, bis sie sich einfach nicht mehr verhindern ließen. Wir erinnern uns: Die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt (SPD) hatte bereits 1981 Pläne für einen bundesweiten Glasfaserausbau beschlossen, wollte weltweiter Glasfaser-Spitzenreiter werden. 1981!!! Ein Jahr später kam Helmut Kohl (CDU) an die Macht, legte die Pläne auf Eis und förderte lieber das Kabelfernsehen. Warum? Kupferkabel kosteten damals weniger als ein Drittel der Glasfaser und weil die CDU auch damals schon eine Lobby-Partei war und Kohl seinen Buddy Leo Kirch unterstützen wollte. 2026 gibt es immer noch kein flächendeckendes Glasfasernetz (aktuell nur knapp über 50%). Just imagine, wo wir heute stehen könnten, hätten wir es schon 40 Jahre genutzt! Tja, dafür hatten wir immerhin "Tutti Frutti" mit Hugo Egon Balder auf RTL. Anderes Thema...

Und wo wären wir denn eigentlich, wenn jeder Fortschritt generell im Keim erstickt wäre? Die nachfolgende Grafik soll einmal die Entwicklung verschiedener Bereiche verdeutlichen: Früher, also ich meine GANZ früher, hatten die Menschen abends bzw. nachts in der Regel nur Kerzenlicht. Die Kerzenflamme hat einen Wirkungsgrad von 1%, eine moderne LED-Lampe 35%. Ja, und vor wiederum nicht ganz so langer Zeit haben die Menschen "das kalte Licht der Energiesparlampen" kritisiert und als die normalen Glühlampen dann verboten wurden (derweil sie nur wenig - 5% - in Licht, aber das meiste in Wärme umgesetzt haben), haben sich die Leute hamstermäßig noch mit 100-Watt-Glühlampen eingedeckt. Wollen wir nicht lieber wieder direkt zurück zur Kerze?

Wiederum (ganz) früher, haben wir unser Essen auf Feuerstellen erwärmt (10% Wirkungsgrad), dann kamen Gasherde (40%) und heute haben wir Elektroherde (85%) z.B. mit Induktion. Als die ersten Gasherde durch Elektroherde abgelöst wurden, sagten die Menschen (kein Witz) "Das Essen schmeckt elektrisch!". Wollen wir wieder Feuerstellen? 

Stromerzeugung: Die Dampfmaschine erreichte etwa 20% Effizienz, modernere Kraftwerke gut und gerne 50% (abgesehen von "Randerscheinungen"), Photovoltaik und Windkraft erreichen (nahezu) 100% der Nutzkraft. Die ersten Automotoren hatten eine Effizienz von um die 10%, heutige Verbrenner ca. 25% - der Rest u.a. Wärme, Abgase, etc. - Elektromobilität hingegen 75%. Als das erste Automobil erfunden wurde, soll Kaiser Willhelm II angeblich gesagt haben "Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube weiter an das Pferd.". History proofs him wrong.

Und beim Heizen wird es noch interessanter: Seinerzeit Heizen mit Holz, Effizienz vielleicht 20%, eine gute Gasheizung irgendwas um die 100%, vielleicht etwas weniger. Eine Wärmepumpe hingegen erzeugt aus einer Kilowattstunde Strom, normal drei kWh Wärme! Die ist ein Multiplikator! Aber wir fangen jetzt wieder an, Holz ins prasselnde Kaminfeuer zu werfen?

Zurück nach gestern? Eher nicht. Grafik: Eigenbau, angelehnt an Felix Goldbach

Wir schauen uns einfach nochmal ein tolles Beispiel dafür an, wo man fortschrittlich agiert, wenn man langfristig (!) die richtigen Hebel in Bewegung setzt: Dänemark. Dänemark dürfte eigentlich kein reiches Land sein. Es ist klein, meistens kalt, keine sonderlich großen Ölvorkommen oder Bodenschätze, keine bekannten Tech-Unternehmen. Und dennoch ist es eines der reichsten und stabilsten Länder dieser Welt. Und das ist kein Zufall, sondern Absicht.

Jahrhundertelang war Dänemark eher verhältnismäßig arm: Kühe, Fischerei, Ackerland. Nichts womit man große Sprünge machen kann. Nach dem zweiten Weltkrieg stand das Land vor einer Entscheidung: Modernisierung oder Untergang. Drei Mal dürfen wir raten, wofür man sich entschieden hat...

Dänemark hat das nordische Modell geschaffen: Kostenlose Gesundheitsversorgung, kostenloses Studium, starke soziale Absicherung. Finanziert durch hohe Steuern. Kritiker sagten, es würde den Ehrgeiz zerstören. Stattdessen hat es Ängste genommen. Dänemark hat nicht einfach nur Geld ausgegeben oder mit der Gießkanne verteilt, wie immer schön dahergelästert wird. Dänemark hat gezielt investiert: In Bildung, in Arbeitskräfte, in Städte. Allein hunderte Millionen in die Fahrradinfrastruktur des Landes. Gesündere Menschen wurden zu produktiveren Menschen.

Dann folgte Innovation: Dänemark nutzt nicht nur Wind - es verkauft ihn. Heute stammen etwa 50% des Stroms aus Windkraft und dänische Windkraftanlagen versorgen Stromnetze vor allem in Deutschland, Schweden und Norwegen. Dänemark spielt weit über seiner Gewichtsklasse: Ein Unternehmen liefert 50% des weltweiten Insulins. Ein anderes wickelt einen Großteil des weltweiten Seeverkehrs ab, A. P. Møller-Mærsk war von 1996 bis 2022 die größte Containerschiff-Reederei der Welt. Ein weiteres ist führend in der eben schon erwähnten Windkrafttechnologie. Diese Bedeutung verdanken sie ihrer Spezialisierung, nicht ihrer Größe. Die niedrige Staatsverschuldung und die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit (Fahrradinfrastruktur, Windkraft) machen das Land wirtschaftlich krisenfest. Würde sich die Deutsche Bahn auf ihr Kerngeschäft spezialisieren und nicht auch Parkraummanagement betreiben, sich mit Zeitarbeit beschäftigen oder mit Holz und Baustoffen handeln (um nur drei absurde Beispiele aus der Vielzahl an Unternehmen im Konzern zu nennen), würde es dort vermutlich auch besser laufen.

Der entscheidende Punkt, welchen viele übersehen: Dänemark besteuert die Bürger stärker und die Unternehmen weniger. Das klingt erst einmal verwirrend. Körperschaftssteuer 22% (Deutschland 15%), wenig Bürokratie, einfache Unternehmensgründung, große Freiheit für Gründer, Personal ist einfach einzustellen und ebenso einfach zu entlassen. Auf der anderen Seite dennoch: Hohe Sicherheit für Arbeitnehmer. Den Job in Dänemark verloren? Du bekommst bis zu 90% Einkommensunterstützung (Vergleich Deutschland: 60 % bzw. 67 % mit Kind) oder auch eine Umschulung on top finanziert. Dennoch gilt: Niemand ist entbehrlich. Das System basiert auf Vertrauen: Die Menschen vertrauen der Regierung. Sie sehen wohin die Steuern fließen, sie glauben, dass die Regeln fair sind. Vertrauen verringert Reibungsverluste, welche der Wirtschaft schaden würden. 

Es basiert eine geringe Ungleichheit, es existiert eine starke Mittelschicht, stabile Wohnverhältnisse. Die Beschäftigungsquote beträgt ca. 77%, eine der höchsten in Europa. Dänemark beweist damit, was vielen unangenehm ist: Hohe Steuern bremsen das Wachstum nicht, das tut nur kurzfristiges Denken bzw. ein ständiges "Hü und Hott", wenn Nachfolgeregierungen meinen, "den Murks" der Vorgänger "korrigieren zu müssen". In vielen skandinavischen Ländern sind die Menschen glücklicher als anderswo. Das hat auch mit einer gerechteren Verteilung der Einkommen und mit staatlichen Investitionen zu tun.

Menschen (auch und vor allem in Deutschland) messen Reichtum hingegen häufig daran, ob sie mehr besitzen als der Nachbar ("mein Haus, mein Auto, mein Boot") – weshalb selten ein vernünftiges, sozialverträgliches Maß gefunden wird. In Dänemark ist das regelrecht verpöhnt, wie ich in einem früheren Blog schon berichtet habe. Reich ist in Nordeuropa vor allem die Gesellschaft, nicht der/die Einzelne. Das klingt sozialistischer, als es ist. Aber wirklich große Teile der Gesellschaft verdienen einfach so viel, dass es für einen angenehmen Lebensstil reicht – selbst mit Kindern. Und es sind eher wenige Menschen, die sich durch besondere Armut oder besonderen Reichtum stark von den anderen abheben. In Schweden beispielsweise weiß jede/r was der/die andere verdient - das kann man beim Finanzamt ganz einfach erfragen oder in der Zeitung nachlesen. Die Oberschicht in Skandinavien führt ihren Wohlstand eher selten in Form von Autos der Luxusklasse in der Innenstadt spazieren. Stattdessen sind die meisten auf dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn unterwegs. Wohnraum ist zwar wie in anderen europäischen Metropolen vor allem im Stadtzentrum sehr teuer, aber die Vororte sind durch den öffentlichen Nahverkehr gut angebunden.

Friedrich Merz sagte nach dem Gewinn der Bundestagswahl "Links ist vorbei!". Ganz ehrlich, ich verstehe das nicht. Linke Politik strebt die Verringerung gesellschaftlicher Ungleichheit, soziale Gerechtigkeit und die Stärkung wirtschaftlich Benachteiligter an. Grundwerte sind Solidarität, Gleichheit, Demokratie und Antifaschismus. Kernforderungen umfassen Umverteilung durch höhere Steuern für Reiche, starke Sozialsysteme, Klimaschutz und auch oft eine pazifistische Außenpolitik.

Wenn Herr Merz also nun sagte "Es gibt keine linke Politik und keine linke Mehrheit mehr in Deutschland.", da bei der Bundestagswahl 2025 beinahe ein Drittel der Stimmen auf die CDU entfielen (und nahezu ein weiteres Fünftel auf die AfD): Sind die Menschen einfach geil auf Ungleichheit? Darauf, dass die Schere noch weiter auseinandergeht, Reiche reicher, Arme noch ärmer werden? Das Europäische Parlament, in dem Konservative (EVP) seit mehr als 20 Jahren die Mehrheit bilden, hat u.a. folgende Privilegien (selbst geschaffen):

  • Sehr gute Krankenversorgung
  • Kostenloser Nahverkehr
  • Kostenloser Fernverkehr
  • Quasi bedingungsloses Grundeinkommen
  • Rente ab 63
Das sind alles linke Positionen! Die CDU/CSU (als größte Fraktion in der EVP) weiß genau was gut ist, aber sie gönnen es dem Rest nicht.

Nochmal: Es ist doch kein Geheimnis, dass die CDU für Lobbyinteressen steht und die AfD primär Vermögende entlasten wird. Apropos Lobby... mal ganz nebenbei erwähnt bzw. gefragt: Im Jahr 2023 und 2024 lag der Spritpreis zeitweise bei 1,80 Euro. Es gab massenhafte Bauernproteste. Jetzt haben wir Dieselpreise von 2,40 Euro und höher. Wo sind die Bauern jetzt? Antwort: Viele Bauern sind Mitglied der CDU und werden heute nicht gegen ihren Kanzler demonstrieren - 2024 regierte hingegen die Ampel. Keine Pointe.

Sag' mir, wo die Bauern sind... - Quelle: Threads

Die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub schrieb jüngst einen lesenswerten Artikel darüber, dass die Welt eigentlich doch nicht ganz so schlecht ist, wie sie von vielen gemalt wird. Sie beginnt den Artikel mit einem Rätsel: Welches Jahrzehnt ist gemeint? Ein umstrittener Präsident regiert die Vereinigten Staaten, im Nahen Osten tobt ein Krieg, alle haben Angst vor Atomkrieg und "Unsicherheit" ist das Wort des Jahres. Nein, es sind nicht die 2020er-Jahre, sondern die 1970er.

Die 1980er waren auch nicht besser, gleichwohl 52% der Deutschen das Gegenteil glauben. Nie war die Welt näher an einem Atomkrieg als 1983 - damals hielt die Sowjetunion die NATO-Übung "Able Archer" für eine Eröffnungsschlacht. Der sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow verhinderte am 26. September 1983 durch eine mutige Entscheidung vermutlich einen Atomkrieg der Großmächte: Trotz Alarmmeldung des Frühwarnsystems über anfliegende US-Raketen stufte er dies als Fehlalarm ein, da er dem System misstraute und keinen Gegenschlag auslöste. Es war außerdem das Jahrzehnt in dem HIV hunderttausende Menschen tötete: Ein Infekt mit dem Aids-Virus galt damals in aller Regel als Todesurteil - prominentestes Beispiel: Freddie Mercury.

Und nein, auch die 1990er-Jahre waren nicht "Eitel Sonnenschein". In Ruanda starben in drei Monaten eine Million Menschen, in China wurden bei friedlichen Protesten bis zu 10.000 Demonstarnt_innen ermordert. 1992 blickten gerade einmal etwas über 40% der Deutschen hoffnungsfroh ins neue Jahr. 1995 erklärten 85% der Amerikaner_innen den amerikanischen Traum für tot.

Sogar die 1950er, die heute für den vermeintlichen Optimismus gefeiert werden, waren ein Jahrzehnt voller Angst: Der Weltkrieg gerade vorbei - wird der Frieden halten? Aufrüstung, Atomwaffen, Kommunismus, Rezession und "jugendliche Verwahrlosung" (Rock'n'Roll). 

Kein Jahrzehnt konnte sich jemals entspannt zurücklehnen und denken "Die Zukunft wird gut". Es ist im Grunde normal, dass sich jede Generation Sorgen oder mindestens Gedanken um die Zukunft macht. Jede Generation war davon überzeugt, dass die Dinge noch nie so schlimm waren wie gerade jetzt. Entsprechendes findet sich in der Literatur: Oswald Spengler "Der Untergang des Abendlandes" 1918, Arnold Joseph Toynbee war in den 1940ern ähnlicher Meinung, in den 1960ern verkündete Daniel Bell "Das Ende der Ideologie" oder Paul Ehrlich prophezeite in "Die Bevölkerungsbombe" Millionen Hungertote bis in die 1980er. 

Spannend: Auf jedes dieser Werke folgte eine Zeit, die genau das Gegenteil bewies. Das Jahrzehnt nach Spenglers Untergangsthese brachte uns Fernsehen und Radio, Kernphysik, Antibiotika, Luftfahrt, Kunststoffe, Kino, Jazz, Bauhaus, Demokratie, Entkolonialisierung, Frauenwahlrecht. Toynbee wurde widerlegt durch Raumfahrt, Computer, Antibabypille, Entdeckung der DNA, Europäische Union, Anfänge einer globalen Finanzordnung. Auf Daniel Bell folgten die Revolution des Personal Computers, Boom der Biotechnologie, das Internet. Ehrlich rechnete weder mit dem technologischen noch dem gesellschaftlichen Fortschritt. Und in den 15 Jahren in denen Peter Thiel das Ende der Innovation beklagt, haben wir private Raumfahrt, neue Impfstoffe, künstliche Intelligenz, Solar- und Windenergie, das Smartphone. 

All diese Autoren waren Teil des Produktionszyklus. Sie lagen genau deshalb falsch, weil u.a. ihre Ängste Gegenmaßnahmen anstießen. Menschen nehmen Hinweise aus Vergangenheit und Gegenwart und konstruieren eine Zukunft voller Möglichkeiten. Es sei denn, man ist konservativ oder rechts. 

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