Neulich war ich mit der Familie essen. Beim Vietnamesen. War ich noch nie. War lecker. Und auch sehr gastfreundlich. Preislich war es auch in Ordnung - zwei Erwachsene, zwei Jugendliche, vier Hauptgerichte und drei Vorspeisen, Getränke = 120 Euro, mit Trinkgeld. Soweit so unspektakulär. Nein, ganz im Ernst: Etwas über 25 Euro pro Person finde ich äußerst angemessen, ja streng genommen sogar günstig. Keine Ironie, kein versteckter Sarkasmaus.
![]() |
| Bild KI-generiert |
Doch allerorten hört man immer wieder seltsame Blüten, die in der Gastronomie treiben. Seit dem 1. Januar 2026 gilt in der deutschen Gastronomie eine dauerhafte Mehrwertsteuersenkung auf 7 % für Speisen, um die Branche zu entlasten. Die Regelung beendete die Unterscheidung zwischen Verzehr vor Ort und Außer-Haus-Verkauf. Das war ja auch der Grund, warum die Abschlussfrage jeder McDonalds-Bestellung "hier essen oder mitnehmen" lautet: Vor-Ort-Verzehr ist bzw. war eine Dienstleistung und mit 19% teurer beseteuert, als das Mitnehmen von Lebensmitteln, wie beispielsweise vergleichbar mit dem Supermarkt. Früher kostete z.B. ein Cheeseburger den Kunden 2,50 Euro, egal ob er ihn im Restaurant am Tisch gegessen hat oder unterwegs auf der Straße. Im ersten Fall hat Mc dafür aber 40 Cent an Steuern abführen müssen, im zweiten Fall nur rund 17 Cent. Bei geschätzten 3 Mio. täglich macht(e) das durchaus einen gewissen Unterschied.
Apropos Unterschied: Davon abgesehen gab es in unserem Lokal eine Karte (nicht die in Kunstleder gebundene, sondern die typische Lieferdienst-Karte) mit unterschiedlichen Preisen für Abholung und Lieferung: Mein Gericht kostete beispielsweise 16,90 Euro bei Abholung und 18,50 bei Lieferung, also 1,60 Euro mehr. Hätten wir also zu viert daheim gegessen (und das Essen liefern lassen) hätten wir vier Mal den Mehrpreis (am Beispiel also 6,40 Euro) gezahlt. Man kennt normalerweise von den Lieferdiensten, dass eine allgemeine Liefergebühr von vielleicht zwei oder drei Euro veranschlagt wird, doch für eine größere Runde, die gemeinsam bestellen will, kann das echt ins Geld gehen.
Dann dachte ich mir, das kann doch nicht sein. Irgendwo auf der Karte etwas Kleingedrucktes, das ich übersehen habe? Nein, Zusatz-Check über die Webseite. Dort gibt es sogar bei der Lieferung (als auch bei Abholung) 5% Rabatt! Jetzt bin ich maximal verwirrt. Meine Udon-Nudeln mit Ente kosten statt 18,50 Euro wie sie auf der Karte stehen nun 17,57 Euro. On top kommen aber auch nochmal drei Euro Lieferkosten pauschal. Würde ich das Gericht abholen, würde ich nur 16,05 Euro zahlen (16,90 Euro abzüglich 5%). Verwirrung maximal.
![]() |
| Wie hätten' sie's gern? Unterschiedliche Preise für vor-Ort-Verzehr, Abholung und Lieferung - Bild: Collage |
Trotz der Steuerreduzierung von 19 % auf 7 % bleiben die Preise für Gäste oft unverändert, da gestiegene Betriebs- und Personalkosten aufgefangen werden. Bedeutet: Von der Steuersenkung merken die Gäste sehr oft nichts. Außer vielleicht bei Mc Donalds - aber gut, die durften ja auch den CDU-Parteitag sponsern. Vielleicht gab es im Gegenzug einen Deal "Dafür müsst ihr die Steuersenkung an die Gäste plakativ weitergeben!". Man weiß es nicht. Vielleicht nur mal so viel zum selber Nachrechnen:
- 2022 hat McDonalds in Deutschland einen Umsatz von 4,2 Milliarden Euro gemacht
- Etwa ein Drittel wurde vor Ort verzehrt, das entspräche also etwa 1,4 Milliarden
- Bei 19% Mwst. wären das 224 Mio. Euro Steuer
- Bei nur 7% Steuersatz wären es nur 82 Mio. Euro = Diffenrenz 142 Mio. Euro
Da kann man auch mal plakativ für eine Handvoll Produkte den Preis senken.
![]() |
| Werbung McDonalds im Zuge der Steuersenkung - Bild: Collage |
Egal, zurück zum Thema. Die krisengeschüttelte Gastronomie im allgemeinen wird sicherlich den Steuervorteil nicht an die Gäste weitergeben, sondern für diverse Mehraufwendungen aufbrauchen. Und es gibt ja bereits eine ganze Reihe von "Optionen" mit denen Gaswirt_innen irgendwas zwischen "sich absichern" oder gewisse "Zusatzeinnahmen generieren" wollen. Spielen wir das mal von Anfang bis Ende eines Restaurantbesuchs durch.
Reservierung: Oft wird man mittlerweile im Lokal angeschaut, als würde man kleinen Singvögeln vor's Schienbein treten, wenn man einfach so, spontan, ohne Reservierung in eine Lokalität einkehrt. Man kennt es vielleicht: 30 Tische frei, "Guten Tag, ein Tisch für vier?" - "Haben Sie reserviert? Nein, na dann will ich mal schauen, was ich noch für Sie machen kann!". Also reservieren wir rechtzeitig. Einige Lokale benötigen bereits für die Reservierung eine Kreditkarte. Warum? "No-Show-Gebühr". Wir haben das selber mal vor Jahren erlebt. Wir haben für die komplette Familie, also rund 20 Leute einen Osterbrunch gebucht. Dann wurde die Schwiegermutter kurzfristig krank, konnte nicht mitkommen. Das Restaurant hat den Pauschalpreis dennoch für sie berechnet. Also kurz zum Mitschreiben: Wir saßen mit 19 Leuten an einer notdürftig zusammengeschusterten "Tafel", die mehr aus kleinen (Bistro-)Tischen bestand, es war mehr als eng, auch mit einer Person weniger, und Gesamtumsatz lag glaube ich irgendwas um die 500 oder 600 Euro? Da hat man keinerlei Andeutungen gemacht, aus Kulanz 25 oder 30 Euro für die nichterschienende Person zu erlassen. Nicht im Ansatz. Wenn ich mich recht erinnere haben wir das mit dem Trinkgeld "verrechnet". Ich warte auf den Tag, wo man eine nicht erstattbare Reservierungsgebühr ins Leben ruft, die auch nicht mit dem Verzehr verrechnet wird. Einfach nur so, weil wegen Mehraufwand für's Reservieren.
Zusatzkosten: In anderen Ländern kennt man es bereits - in Italien z.B. das "Coperto", eine pro Person berechnete Grundgebühr (Gedeck), meist ein bis drei Euro. Es deckt Brot, Tischdecke und Besteck ab. Der Betrag muss auf der Speisekarte stehen und wird pro Gast fällig, unabhängig vom Verzehr. Wenn Coperto berechnet wird, ist ein zusätzliches Trinkgeld nicht zwingend erforderlich, wird aber bei gutem Service dennoch gerne gesehen. Frage, wann dies auch hierzulande Standard wird. Anderswo wird ein Taschenhaken extra berechnet: Die Kellnerin wollte den vier Kundinnen einen Haken anbieten, sodass man die Handtasche direkt am Tisch aufhängen konnte. Zunächst wurde dies abgelehnt, aber die Kellnerin beharrte hartnäckig darauf. Als die Rechnung kam, wusste man warum: Vier Euro pro Haken! Bei Amazon kosten vier Stück acht Euro. In Corona-Zeiten wurde gerne mal eine Energie-Pauschale von z.B. 1,50 Euro pro Person berechnet, aufgrund der gestiegenen Gaspreise. Ist Heizen aktuell nicht auch wieder so teuer?
Extrawünsche: Acht von zehn Gästen sollen Extrawünsche bei der Bestellung angeben. Gut, manch einer verträgt dies nicht, manch andere hat eine Aversion gegen jenes. Okay. Dann gibt es aber auch Lokale, welche 1,50 Euro für die Umbestellung der Käsesorte und noch mal 1,50 Euro für den Verzicht auf Tomaten berechnen. Wenn ich einen höherwertigen Käse wähle, okay, nachvollziehbar. Aber dafür, dass ich etwas weglasse? Auch eine extra Portion Pfeffer, wird mancherorts mit 50 Cent in Rechnung gestellt, ebenso wie das Schneiden einer Pizza. Eiswürfel kosten auch gerne mal 20 Cent. Noch kreativer? Es wird die Hintergrundmusik mit zwei Euro pro Person in Rechnung gestellt oder ein Zuschlag für Premium-Plätze berechnet, man zahlt also z.B. 15 Euro für die Aussicht auf der Terrasse oder für einen Platz im Schatten anstatt in der sengenden Hitze. In manchen Etablissements wird gar eine Art genereller "Eintritt" fällig.
Nicht vollkommen fremd ist das Berechnen von zusätzlichem Geschirr: Möchte man z.B. einen zweiten Teller, weil man sich z.B. eine Pizza teilen möchte, so wird das mancherorten mit ein paar Euro zusätzlich auf der Rechnung notiert. In Österreich geht man da noch einen Schritt weiter: Hier macht es keinen (preislichen) Unterschied, ob man eine Pizza und zwei Teller oder direkt zwei Pizzen bestellt. Der leere Zusatzteller wird mit dem Preis der einfachsten Pizza in Rechnung gestellt.
In Italien wollte eine Kundin ihren Geburtstag in einem Restaurant feiern und nach dem Essen sollte es einen mitgebrachten Geburtstagskuchen geben. Das Restaurant berechnete hierfür pro Gast 4,50 Euro. Also wohlgemerkt nicht für den Kuchen - den haben die Gäste ja selbst mitgebracht, bzw. der Kundin geschenkt. Aber wohl für zusätzliches Geschirr u.ä. wurde dann nochmal extra berechnet.
Getränke: Mittlerweile sind sie der Umsatzbringer. Denn kaum noch jemand bestellt sich ein Schnitzel für 30 Euro. Die Leute bestellen dann lieber günstigere Gerichte, aber trinken muss ja eigentlich jeder. So kann eine große Cola (0,5l) gerne mal mit fünf Euro zu Buche schlagen. Bei einem (Großhandels-)Literpreis von vielleicht einem Euro, ist das ein Gewinn von 4,50 Euro pro Glas. Selbst das optionale Scheibchen Zitrone in der Cola wird gerne mal mit einem Euro extra taxiert. In der Schweiz wird man noch kreativer und bongt einfach ein Getränk ein, auch wenn die Gäste nichts trinken. Auch immer ein Thema: Leitungswasser. Im Ausland ist es teilweise guter Brauch ein Glas oder gar eine Karaffe als kostenlosen Service direkt bei Aufnahme der Bestellung hinzustellen. In Deutschland besteht kein gesetzlicher Anspruch auf kostenloses Leitungswasser im Restaurant. Gastronomen können frei entscheiden, ob sie Wasser gratis anbieten, eine Servicegebühr verlangen oder nur kostenpflichtiges Flaschenwasser verkaufen.
Bezahlung: Man kennt das teilweise ja schon... manche Kreditkarten wie z.B. American Express sind vielerorts nicht so gerne gesehen, da sie bekannt sind, für hohe Gebühren. Oft werden Kreditkarten generell abgelehnt und maximal die "EC-Karte" akzeptiert. Nicht nur in Online-Shops kann man je nach Zahlungsart mit einem entsprechenden Aufpreis für die Bezahlung rechnen (meist ist nur Vorauszahlung gebührenfrei). In manchen Restaurants gibt es gern den Zusatzhinweis "Kartenzahlung erst ab xx Euro" oder sie ist generell nicht möglich oder aber mit einer pauschalen Gebühr von beispielsweise zwei Euro vorgesehen.
Was übrig bleibt: In manchen Lokalen wird eine Zusatzgebühr fällig, wenn man - speziell bei "all you can eat"-Angeboten - etwas auf dem Teller übrig lässt. Reste vom normalen Menu werden ja gerne mal mitgenommen. Komisch, dass hier nicht auch noch ein Extra-Zuschlag für das Verpackungsmaterial berechnet wird.
Fassen wir mal zusammen. Ja natürlich sind viele der Beispiele aus dem Ausland zusammengetragen, wo Touristen-Abzocke beinahe schon "zum guten Ton" gehört. Stellen wir uns aber einfach mal einen kurzen Moment vor, dass es gar nicht mehr so lange dauert, bis einige dieser "Bräuche" auch hier Gang und Gäbe werden, bis auf der Rechnung am Ende rund 10 bis 20 Euro zusätzlich auftauchen, die absolut nichts mit verzehrten Speisen oder Getränken zu tun haben, sondern nur mit dem "Drumherum". Und ich möchte definitiv nicht sämtliche Gastronom_innen als geldgierige Geschäftemacher abstrafen.
Auch die Gäste müssen sich an die eigene Nase fassen. Ja, der Kunde ist König, aber in der Geschichte gab es stets bedeutende und unbedeutende Könige. Es gehört völlig zum guten Ton, dass man eine Reservierung rechtzeitig absagt, anstatt einfach nicht zu kommen. Ja, natürlich sollen Extrawünsche, die mehr kosten, nicht umsonst sein. Und ja, Energiepreise, Wareneinkauf und Personal ist alles teurer geworden - Stichworte: Energiekrise, Inflation, Mindestlohn. Alles gar kein Thema. Aber mal im Ernst: Wenn die Preisspirale ständig nur nach oben geht, dann werden sich bald sehr viele Menschen einen Besuch im Restaurant nicht mehr leisten können. Und dann ist die Branche wieder am Jammern und der Ruf nach dem Staat der irgendwie helfen muss, wird wieder laut.
Irgendwann wird es wohl soweit kommen, dass man sich - ebenso wie bei Handwerker_innen und Co. - vor dem Restaurantbesuch wohl sicherheitshalber erst einmal einen Kostenvoranschlag (KV) einholen wird, um am Ende nicht böse überrascht zu werden. Und vermutlich wird auch dieser KV kostenpflichtig sein.



Kommentare
Kommentar veröffentlichen