Früher sagte man oft lapidar "Lern' was Gescheites, sonst wirst du Handwerker!". Heute müssten viele sagen "Lern' was Gescheites, dann kannst du dir vielleicht auch einen leisten!".
Bei den WorldSkills 2026 in Shanghai - also sozusagen die Handwerks-Weltmeisterschaften - holten 36 deutsche Spitzenfachkräfte insgesamt 22 Auszeichnungen, darunter zweimal Gold für Möbelschreiner und Stahlbetonbauer, ferner einmal Silber und dreimal Bronze.
Finn-Luca hat in Kassel Promenadologie (Spaziergangswissenschaft) studiert, hat sich nun in Leipzig vom Erbe eine schicke Altbauwohnung gekauft, aber er findet niemand, der ihm sein Dach macht.
Und irgendwo sitzt eine Annette, zwei Kinder, beide auf dem Gymnasium, Latein ab der fünften Klasse. Schreibt Jonas eine Drei, sagt Annette "Willst du später etwa Fliesen legen?!". Annette hat einen Master in Kulturmanagement und eine Siebträgermaschine für 2.900 Euro, aber entkalkt bekommt sie die nicht ohne Hilfe. Bei ihr tropft auch der Wasserhahn... seit Pfingsten. Handwerker? Termin frühestens im März... 2028. Ergo: Sie hat sich Rat bei Youtube geholt und die KI befragt - jetzt tropft es auch im Keller.
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Handwerk hat goldenen Boden - hieß es in der Blütezeit des Handwerks, also so im 18. und 19. Jahrhundert, doch dieses Sprichwort stammt noch aus Zeiten, in denen die Branche nicht mit so vielen Problemen zu kämpfen hatte. Es gibt in Deutschland gut eine Million Handwerksbetriebe. Das ist ein knappes Drittel aller Unternehmen im Lande. Große Handwerksunternehmen mit mehreren Dutzend Mitarbeitenden sind die Ausnahme. Typischerweise sind Handwerksbetriebe klein: Durchschnittlich fünf bis acht Leute werden pro Betrieb beschäftigt, berichtet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).
Chefs und Gesellen aus den geburtenstarken Jahrgängen kommen ins Rentenalter. Durch den Geburtenrückgang fehlt es an Nachfolger_innen. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden oft 1,3 Millionen Kinder pro Jahr geboren. Für Betriebsübernahmen kommen heute die Jahrgänge zwischen 1980 und 2000 in Frage - doch da wurden nur noch knapp 870.000 (1980) und 770.000 (2000) Kinder geboren. Das deutsche Handwerk mit seinem großen Bedarf an Unternehmenschefs kämpft gegen diese Bevölkerungsentwicklung. Vergangenes Jahr wurden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt nur noch 20.000 Meisterprüfungen abgelegt. Zehn Jahre zuvor waren es noch 22.500 und in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts regelmäßig mehr als 30.000 pro Jahr.
Übernehmen nicht sowieso immer mehr Automationen und irgendwann generell die KI auch diese Aufgaben? Im Handwerk stoßen Automatisierung und Rationalisierung an enge Grenzen. Aktuelle Daten des ZDH zeigen aber, dass es trotzdem gelingt, die Produktivität zu steigern oder Preise zu erhöhen. Wurden im deutschen Handwerk vor fünf Jahren mit 5,9 Millionen Beschäftigten 670 Milliarden Euro umgesetzt, waren es vergangenes Jahr mit nur noch 5,6 Millionen Beschäftigten schon 770 Milliarden Euro. Und natürlich gibt es auch beispielsweise Maschinen, die Fliesen verlegen können, sogar in der Effizienz von mehreren Menschen. Aber irgendwer muss ja auch den Fliesenkleber anmischen, einfüllen, die Fliesen zur Baustelle befördern, Nachschub für der Gerät, usw., usw..
Nicht nur zu wenig Chefs machen den Handwerksorganisationen Sorgen, sondern auch schrumpfendes Personal, dem man teilweise mit den zuvor genannten Maschinen Abhilfe schaffen will - wenn man es sich leisten kann. Die amtlichen Schuldaten zeigen: 2008 gingen noch knapp 1,3 Millionen Schülerinnen und Schüler auf Realschulen und 2,5 Millionen auf Gymnasien. Vergangenes Schuljahr gab es noch knapp 800.000 Realschülerinnen und Realschüler und 2,3 Millionen Jugendliche auf Gymnasien. Das bedeutet: Es gibt immer weniger Kinder, und die drängen immer mehr Richtung Abitur. Das macht es für das Handwerk schwer, wo Auszubildende mit mittlerem Schulabschluss einsteigen können.
Wann fing diese Mär an, dass erzählt wurde, dass ins Handwerk nur die gehen, "die nix können"? Oben erwähnte Annette braucht für ein Bild an der Wand drei Anläufe, vier Nägel und einen Nachbarn. Ein Bachelor kann dir erklären, warum es durch das Dach regnet. Ein Dachdecker sorgt dafür, dass es aufhört. Jahrzehntelang redete unsere Gesellschaft davon, dass alle, die ins Handwerk gehen, es nur machen, weil es "für das Abitur nicht gereicht hätte". Und jetzt warten nicht wenige acht Monate auf einen Termin. Bei den Elternabenden hieß es stets "Mit dem Abitur stehen ihm/ihr alle Wege offen!". Entschied man sich für das Handwerk, bekam man oft zu hören "Wenn es für mehr nicht reicht...!". Der/die Lehrer_in, welche_r nach der Grundschule zum Gymnasium geraten hat, hat nie erwähnt, was ein/e gute/r Meister_in verdient. Zugegeben: Häufig ist es auch eher der Chef des Betriebes, der sehr gut verdient - der Geselle oft noch nicht so.
Auch im Fernsehen bzw. der Popkultur, war der Handwerker in der Regel der Pfuscher oder der Witz. "Etwas Anständiges lernen" bedeutete immer "irgendwas mit Schreibtisch". Einer ganzen Generation brachte man kontinuierlich bei, dass schmutzige Hände mehr oder minder für Versagen stünden und ein sauberer Schreibtisch hingegen für Erfolg. Heutzutage kommt noch erschwerend hinzu, dass man der Meinung ist, Erfolg müsse prinzipiell schnell gehen: Ein paar Videos posten, was mit KI machen, sich "Founder" oder "Geschäftsführerin" nennen und möglichst schnell reich werden, bevor man auch nur halbwegs gelernt hat, irgendetwas auch nur ansatzweise richtig zu können. Alle wollen oben stehen, aber kaum noch jemand will wissen, wie man das Fundament baut - im sprichwörtlichsten Sinne. Nun sitzen viele in fancy Büro-Lofts mit Palettenmöbeln, verkaufen Kurse darüber, wie man Unternehmer wird - da erzählt dir doch der Blinde von der Farbe, aber es kommt niemand, wenn mal die Wand gestrichen werden muss (oder die Heizung ausfällt).
Rufst du eine_n Dackdecker_in, Maler_in oder Installateur_in an, um eine akute Arbeit erledigt zu bekommen, heißt es oftmals "Aktuell keine Kapazitäten - in drei Monaten vielleicht wieder...". Es ist (wie beim krankwerden) aktuell besser, man wirft einen Blick in die persönliche, ominöse Kristallkugel, um zu erfahren, wann wohl der Elektroherd den Geist aufgibt, das Fenster zerbricht, das Abwasserrohr verstopft. Getoppt wird das Ganze nur noch von Konversationen wie solchen "Sind sie bei uns Kunde? Nein? Oh, das ist schlecht...", wie beim (Fach-)Arzt, der keine Patienten mehr annimmt, weil die Patientenkartei rappelvoll ist. Solchen Firmen ist eigentlich zu raten, bitte keine Bannerwerbung an Gerüsten anzubringen. Auch sollte man nur noch mit neutralen weißen Transportern fahren und die Kunden bitten, bloß keine positive Bewertung bei Google abzugeben... nachher spricht sich das noch rum. Man munkelt über das Dazukaufen negativer Bewertungen, um den Score etwas nach unten zu pushen. Ich warte nur noch auf Verschwiegenheitsklauseln in den AGB bei Beauftragung.
Spaß beiseite. Dabei liegt das grundsätzliche Problem nicht darin, dass junge Menschen nicht arbeiten wollen. Es liegt daran, dass sie jahrzehntelang erzählt bekommen haben, echte Arbeit müsse sauber sein, schnell reich machen und ohne Umwege direkt ins Chefbüro führen. Niemand hat ehrlicherweise mal gesagt, dass Können auch Zeit braucht. Oder das ein Beruf nicht weniger wert ist, nur weil man Arbeitskleidung trägt, anstelle eines Anzugs oder eines Business-Kostüms. Und, dass man auf etwas, was man mit den eigenen Händen erschaffen hat, verdammt stolz sein darf. Wenn du am Ende des Tages auf einen selbst gezimmerten Stuhl oder einen mit Fliesen verlegten Raum schaust, weißt du, was du gemacht hast. Sitzt du im Büro und schreibst E-Mails, werden morgen wieder 73 Nachrichten in deinem Outlook-Posteingang sein. Bravo.
Und zum Abschluss stellen wir uns alle einmal folgendes Gedankenexperiment vor: Morgen fallen alle Unternehmensberater_innen, Investmentbanker_innen und alle Aktienanalyst_innen tot um. ODER morgen fallen alle Polizei-, Feuerwehr- sowie Pflegekräfte tot um, ebenso wie alle Handwerker_innen. Einfach mal kurz überlegen, wer welche Gruppen persönlich vermissen würde.
Diejenigen, die sich trotz aller Umstände für das Handwerk entschieden haben, halten mehr oder minder das ganze Land am laufen, während über sie geredet wird, als wären sie das Reserverad. Wir haben nicht zu wenig Handwerker - wir haben zu lange zu schlecht über sie geredet. Und gleichzeitig einer gesamten Generation eingeredet, Erfolg müsse sauber, schnell und bequem sein.
Wer denn dann eine_n Handwerker_in bekommt, sollte folgendes tun bzw. besser unterlassen:
- Lass' den/die Handwerker_in in Ruhe arbeiten und steh' nicht ununterbrochen daneben, womöglich noch mit "klugen" Ratschlägen oder Sätzen wie "ChatGPT hat gesagt..." oder "Ich habe bei Yotube ein Video gesehen...".
- Nicht über Preise feilschen: Akzeptier den vereinbarten, fairen Stundensatz; übertriebenes Handeln mindert die Motivation.
- Verlang' keine unrealistischen Zusatzleistungen, die nicht abgesprochen sind ("Ach, wo sie schon mal dabei sind..."). Alle haben Anschlusstermine oder irgendwann auch mal Feierabend.
- Sorge für einen freien Zugang zum Arbeitsbereich und etwas Platz, um sich "ausbreiten zu können". Irgendwo muss Material und Werkzeug parat stehen.
- Begrüße den/die Handwerker_in freundlich und zeige den Weg zum Arbeitsraum. Bei längeren Arbeiten ist auch der Hinweis, wo die Toilette zu finden ist, empfehlenswert.
- Eine kleine Aufmerksamkeit wie Kaffee (speziell wenn es draußen kalt ist), Wasser (im Sommer gekühlt) oder ein Stück Schokolade ist eine nette Geste, aber keine Pflicht.
- Bleib' in der Nähe oder hinterlass' die Handynummer, falls Fragen auftauchen.

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